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Studenten des sechsten Semesters Online-Journalismus und Wissenschaftsjournalismus haben in einem gemeinsamen Kurs sich selbst datenjournalistisch an Themen herangewagt. Dabei untersuchten sie zum Teil eher serviceorientiert und spielerisch Themen wie die Lotto-Ziehungen, zum anderen Teil investigativ mögliche lokalpolitische Probleme wie die Verteilung der Kindertagesstätten-Plätze in Frankfurt am Main. Nachfolgend ein Einblick in die Ergebnisse…

Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland und weltweit

Von Michaela Brehm, Anna Groos, Daniel Höly, Nico Stockheim, Svenja Trautmann und Jennifer Warzecha
Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist ein sehr kontroverses Thema, über das in allen politischen, religiösen und gesellschaftlichen Ebenen diskutiert wird. Darf eine Frau über das Leben entscheiden, das in ihr heranwächst? Ab wann kann ein Fötus „Leben“ genannt werden? Und muss man Eltern die Belastung eines behinderten Kindes zumuten, wenn mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik schon vor der Geburt die Krankheit erkannt werden kann? All diese Fragen lösen hitzige Diskussionen aus. Allerdings kann man das Thema „Abtreibung“ auch zuerst mal ganz nüchtern betrachten und Statistiken für sich sprechen lassen. Es folgt ein Zusammenschnitt der interessantesten Aspekte.

Finanzielle Absicherung und Schwangerschaftsabbrüche

Im Durchschnitt hatte jeder deutsche Bundesbürger im Jahr 2008 ein verfügbares Einkommen von rund 19.000 Euro zum Leben zur Verfügung. Doch dies ist wie gesagt ein Durchschnittswert. Er unterliegt im direkten Vergleich der einzelnen Bundesländer deutlichen Schwankungen. So führen Hamburg (23.455 Euro) , Bremen (21.068) und Bayern (20.339) die Statistik an, während Sachsen-Anhalt mit einem verfügbaren Einkommen von 15.192 Euro und Mecklenburg-Vorpommern mit 14.944 Euro das traurige Schlusslicht bilden.

Für unsere Recherche hat uns interessiert, wie und ob eine finanzielle Absicherung – gemessen an dem aufgeführten verfügbaren Einkommen – mit Schwangerschaftsabbrüchen in Verbindung steht. In den reicheren Bundesländern Hamburg und Bremen liegt die Zahl der Abbrüche tatsächlich weit unten. In Bayern hingegen wurden trotz einer im Durchschnitt guten finanziellen Lage der Einwohner insgesamt 11.542 Abbrüche vorgenommen. Nur in Nordrhein-Westfalen wurden im Jahr 2010 mehr Schwangerschaften abgebrochen.

Erstaunlich ist hingegen, dass in Sachsen-Anhalt nur 4.000 Abbrüche vorgenommen wurden. Damit liegt das Bundesland nur knapp hinter dem Wert von Hamburg. Eine weitere Auffälligkeit haben wir in Nordrhein-Westfalen festgestellt. Die Zahl der Abbrüche ist hier im Bundesvergleich mit Abstand am höchsten. Und das trotz eines durchschnittlichen Einkommens von rund 19.800 Euro. Im Jahr 2010 wurden in Nordrhein-Westfalen 22.966 Schwangerschaften abgebrochen – rund das Dreifache des Bundesdurchschnitts.

Grafik: Schwangerschaftsabbrüche 2010 insgesamt nach Bundesland, in dem der Eingriff erfolgte

Abtreibungstourismus in den Bundesländern?

Wenn man Schwangerschaftsabbrüche auf Bundesländer herunterbricht, stellt sich auch die Frage, ob die Frauen in dem Bundesland abtreiben, in dem sie leben. Das Ergebnis ist relativ ausgeglichen, aber einige Schwankungen gibt es: Teilweise treiben die Frauen eben nicht in den Bundesländern ab, in denen sie wohnen; teilweise wohnen sie nicht dort, wo sie abtreiben. Besonders auffällig wird dies am Beispiel von Bremen. Im Jahr 2010 haben 1.599 Bremerinnen abgetrieben. Schauen wir nun auf die Zahl der 2010 tatsächlich in Bremen vorgenommenen Abtreibungen: das sind 2.636. Somit haben 1.037 Frauen in Bremen abgetrieben, obwohl sie dort nicht zu Hause sind.

In Niedersachsen waren es dafür rund 1.000 Abtreibungen weniger als in Niedersachsen wohnende Frauen, die abgetrieben haben. Besonders gering dagegen ist der Ausschlag in Rheinland-Pfalz mit einer Differenz von 20 Abbrüchen. Interessant wird es, wenn man die Abtreibungen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl des jeweiligen Bundeslandes setzt. Bei näherer Betrachtung der Heatmap wird deutlich, dass in Bremen sogar die meisten Abtreibungen vorgenommen wurden – im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Schlüsselt man die Daten noch nach Wohnsitz auf, ist Berlin der absolute Spitzenreiter.

Grafik:Schwangerschaftsabbrüche nach Bundesland des Wohnsitzes der Frauen (Im Verhältnis zur Einwohnerzahl)

Was die Dauer und die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche anbelangt, traten insgesamt in allen Messbereichen Schwankungen auf. In der 32. Schwangerschaftswoche blieben die Zahlen in allen Bundesländern nahezu konstant. Man konnte sehen, dass Frauen am ehesten zwischen den ersten vier Wochen und der elften Woche abtreiben. In allen Bundesländern nahmen sie innerhalb dieses Zeitraums im Durchschnitt 30 Abbrüche vor. Am wenigsten Abbrüche gab es zwischen der 12. und 21. Woche. Sehr oft waren Baden-Württemberg und Bayern sowie die norddeutschen Länder Vorreiter, was auf ein Arme-Reich-Gefälle und Abtreibung aus Geldmangel hinweisen könnte.

Gegen den Trend: Geburtenzuwachs in Berlin

Insgesamt geht die Anzahl der Neugeborenen in Deutschland zurück. Gab es 1999 noch etwa 770.000 Neugeborene, waren es zehn Jahre später nur noch knapp 665.000. Interessant ist jedoch, dass die neuen Bundesländer sogar einen Geburtenzuwachs zu verzeichnen haben. In Berlin wurden beispielsweise rund 2.500 Kinder mehr geboren als noch zehn Jahre zuvor. Bei den Totgeburten lässt sich ein stetiger Rückgang feststellen. Zwischen 1999 und 2009 wurde die Zahl um gut ein Drittel von etwa 3.000 auf rund 2.000 reduziert. Die Bundesländer mit den meisten Totgeburten sind zugleich die Länder mit den meisten Neugeborenen und machen einen Anteil von weniger als ein Prozent aller Schwangerschaften aus.

Internationaler Vergleich: Russland ist Spitzenreiter

Wie sieht es mit Schwangerschaftsabbrüchen im internationalen Vergleich aus? Bei einer Heatmap-Visualisierung der Daten fallen mehrere Länder, positiv wie negativ, auf. 145.000 Abbrüche waren es in Deutschland 1990 – 4,1 Millionen im “Spitzenreiter” Russland (damals noch die Sowjetunion). Das ist 28 Mal mehr als in Deutschland.

Grafik: Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 1990 weltweit (49 Länder)

Im Jahr 2008 nahmen die Werte sowohl in Deutschland als auch in Russland ab, zurück auf 114.000 und 1,39 Millionen. Trotz des starken Rückgangs in Russland ist die absolute Zahl verglichen mit Deutschland zwölf Mal so groß. Und wer denkt, das sähe im Verhältnis zur Einwohnerzahl anders aus, der irrt.

Die Zahlen von 1996 bis 2005 geben außerdem Aufschluss über den Wert der “Schwangerschaftsabbrüche pro 1.000 Frauen”. Das Ergebnis: Erneut ist Russland alleiniger Spitzenreiter und führt die Rangliste mit 53,7 Schwangerschaftsabbrüche je 1.000 Frauen deutlich vor Deutschland mit 7,8 an. Rund sieben Mal niedriger als Russland, um genau zu sein.

Grafik: Schwangerschaftsabbrüche weltweit je 1000 Frauen


Dieser Beitrag wurde veröffentlicht auf YOUdaz.com.

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Auf Schatzsuche im Datendschungel der Frankfurter Unfallstatistik

Von Thea Anders, Lena Sarika Feriduni, Yvonne Raßbach, Jan Schneider und Fabian Seidl

Das Suchen und Finden von Schätzen ist so eine Sache, denn die mühsame Jagd nach verborgenen Kostbarkeiten führt oft in unbekanntes Terrain. Findet sich die sagenumwobene Schatztruhe dann doch, stellt sich gleich das nächste Problem. Wie bekomme ich die verdammte Kiste auf?

Erste Geistesblitze

Ein riesiger Datensatz hat uns, fünf angehende Journalisten, vor genau diese Frage gestellt. Unsere ursprüngliche Idee zu Beginn: Wir recherchieren und korrelieren Daten von Blitzern, Unfällen und Geschwindigkeitszonen in Frankfurt, um herauszufinden, ob Blitzer wirklich an Unfallschwerpunkten eingesetzt werden oder einfach nur da, wo Geld gemacht werden kann.

Begonnen haben wir mit der Recherche von mobilen Blitzern im Netz. Diese Daten zu bekommen war noch recht einfach: blitzer.de stellte sie uns ganz unkompliziert zur Verfügung. Nach einigem Hin und Her bekamen wir außerdem vom ADAC die Abschleppdaten aus dem Jahr 2010. Parallel dazu fragten wir beim Polizeipräsidium in Frankfurt am Main nach einer Unfallstatistik für den Raum Frankfurt an. Die erste Auskunft ergab: Es gibt von der Polizei Hessen eine Art elektronische Steckkarte in der alle Unfälle aus dem Jahr 2010 verzeichnet sind. Und Bingo: Nach ein paar Wochen erhielten wir eine riesige Datei (190 MB) von der Verkehrsüberwachung. Das Dateiformat beinhaltete sogar die GPS-Koordinaten der Unfälle.

Sackgasse Bürokratie

Unseren Recherchen führten uns aber auch in die ein oder andere Sackgasse. Einige Institutionen erwiesen sich als sehr unbeweglich, hatten Bedenken, was den Datenschutz anging oder konnten bzw. wollten uns keine Auskunft geben. Außerdem versuchten wir, an die Tempolimits im Stadtgebiet Frankfurt zu kommen. Die Idee: Wir scrapen die Daten aus einer Open-Street-Map. Aber auch hier kamen wir nicht weit: Da nicht für jeden Stadtteil bzw. jede Straße Tempolimits hinterlegt waren, konnten wir die Daten leider nicht gebrauchen.

Auch von den auf den ersten Blick vielversprechenden Daten vom ADAC mussten wir uns leider verabschieden. Zwar wären damit viele interessante Ansätze möglich gewesen: Welches Autofabrikat bleibt am häufigsten liegen? Oder: Müssen Offenbacher öfter abgeschleppt werden, als Frankfurter? Allerdings beinhaltete die Datei nur etwa 10% aller Unfälle von Motorrädern und PKW im Frankfurter Stadtgebiet – und somit waren die Ergebnisse nicht repräsentativ.

Wie im Märchen: mehr als 1001 Datensätze

Dagegen entpuppte sich die Datei von der Frankfurter Polizei bei genauerem Hinsehen als wahre Fundgrube: Tausende Datensätze warteten darauf, ausgewertet zu werden. Das war schwieriger, als wir zunächst dachten. Als Erstes mussten wir die für uns kryptischen Polizeikürzel entschlüsseln, um überhaupt zu wissen, welche Informationen wir genau vorliegen haben. Auch war der Umgang mit einer derart großen Anzahl von Datensätzen sehr schwierig – vor allem, da diese ja eigentlich noch mit weiteren Daten kombiniert werden sollten. Sogar die diversen Google-Tools gingen unter der riesigen Datei in die Knie. Wir blieben dennoch hartnäckig, haben nicht aufgegeben und den Datenschatz schließlich geknackt. Unsere ursprüngliche Frage, ob der Einsatz von Blitzern an vielen Stellen nur Abzocke ist, konnten wir nicht beantworten. Der Grund: Die Daten ließen sich bislang nicht nach Stadtteilen aufschlüsseln und somit nicht kombinieren. Wir bleiben jedoch dran und sind für Vorschläge offen. Dafür haben wir aber interessante bis verblüffende Ergebnisse rund um Unfälle im Frankfurter Stadtgebiet, wie folgt, generiert:

  • insgesamt 20.252 (von der Polizei registrierte) Unfälle, davon ¼ mit Fahrerflucht
  • 2.092 Leichtverletzte, 371 Schwerverletzte und 25 Tote
  • Gesamtschaden: 52.918.998 Euro
  • 230 mal ist jemand abgehauen, obwohl es einen Personenschaden mit Leichtverletzten gab, bei Personenschaden mit Schwerverletzten gab es 31 Unfallflüchtige
  • Bei 501 Unfällen war Alkohol im Spiel (aus der Datei geht allerdings nicht hervor, ob Alkoholeinfluss die Unfallursache war)
  • es gibt 3,8 mal so viele Unfälle in Frankfurt mit „Sonstigen“ (z.B. Tieren) wie mit Radfahrern (Pferde 3.739, Radfahrer 968)
  • Der unfallreichste Tag des Jahres 2010 war mit 262 Unfällen der 28.09.2010.
  • Unfallbeteiligte pro Jahr / Wochentag: So: 4.560; Mo: 8.417; Di: 8.572; Mi: 8.696; Do: 8.577; Fr: 8.749; Sa: 6.310

Wie sieht der durchschnittliche Unfallbeteiligte aus?

Wir haben unserer Phantasie freien Lauf gelassen und die Daten rein statistisch gesehen auf den typischen Unfallbeteiligten umgerechnet. Dabei handelte es sich im Jahr 2010 um einen braunhaarigen 41-jährigen Mann, der knapp 9 Jahre den Führerschein besitzt, mit einem PKW ohne Beifahrer im nüchternen Zustand unterwegs war (falls alkoholisiert, dann mit durchnittlich 1,17 Promille) und in einen Sachschaden in Höhe von 829,50 Euro verwickelt wurde.

Also: Machen Sie lieber im Straßenverkehr einen großen Bogen um braunhaarige Männer im mittleren Alter. Ok, die Haarfarbe war ein kleiner Scherz am Rande, aber ansonsten geht die Rechnung auf.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht auf YOUdaz.com.

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KiTa-Plätze in Frankfurt: Ausreichend vorhanden und am richtigen Ort?

Von Robin Hartmann, Natalie Schwarzkopf, Thomas Strothjohann, Katharina Tron und Beatrice Tzschentke

In Frankfurt ist es für Eltern ein Leichtes ihre Kinder im Kindergarten unterzubringen. Denn hier stehen sogar mehr Kindergartenplätze zur Verfügung als es überhaupt Kinder gibt – zumindest theoretisch.

Praktisch sieht das Ganze da schon anders aus. Auch wenn Kindern zwischen 3 und 6 Jahren gesetzlich ein Kindergartenplatz zusteht, so bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch wirklich einen bekommen. Und gerade in einer Großstadt wie Frankfurt können Eltern bei der Suche nach einem Betreuungsplatz für ihre Kleinen leicht den Überblick verlieren. Eine zentrale Vergabestelle gibt es nicht, aber um den Eltern die Suche zu erleichtern, hat sich die Stadt Frankfurt etwas anderes ausgedacht: den so genannten Kita-Wegweiser. Dabei handelt es sich um eine Website, auf der sich Eltern vom heimischen PC aus über Kindergärten in ihrem Stadtteil informieren können.

Wo gibt es Kindergärten? Welche Betreuungsangebote bieten sie? Wie viele Kinder werden dort betreut? All diese Fragen soll das Tool beantworten. Nur die wichtigste Frage beantwortet das Tool nicht: In welcher Kita gibt es freie Plätze? Angezeigt wird dort nämlich nur, wie viele Kinder insgesamt in der Einrichtung betreut werden können. Aber auch diese Zahlen werfen einige Fragen auf. Denn unsere Analyse zeigt, dass es in Frankfurt angeblich 20.857 Plätze für Drei- bis Sechs-Jährige gibt. Laut Melderegister der Stadt gibt es aber nur 18.659 Kinder in diesem Alter. Theoretisch also 2.189 überschüssige Kindergartenplätze!

Ein Scraping-Programm macht es möglich, Zahlen wie diese zu vergleichen. Man kann es so einrichten, dass es Daten wie die vom Kita-Wegweiser automatisch ausliest und die Daten mit Analyse-Tools auf weitere interessante Sachverhalte stoßen. Denn schaut man noch genauer hin, auf die Stadtteile nämlich, sieht man, dass die Plätze sehr unterschiedlich verteilt sind. So stehen im Westend 731 Kindern 1.416 Betreuungsplätze zur Verfügung – 685 Plätze zu viel! In Hausen sollen es aber 135 Plätze zu wenig sein. Bei 95 Plätzen auf 233 Kinder hieße das, dass rund 60 Prozent der Hausener Kinder ohne Kindergartenplatz dastehen.

Monika Hoffmann vom Caritas Kindergarten “Charlotte Schiffer” in Hausen bekommt von dieser theoretischen Problematik jedoch nichts mit: „Nach Abstimmung im Stadtteil scheinen mir doch recht viele versorgt. Die Zahl erscheint mir zu hoch. Ich habe derzeit etwa 8 bis zehn Kinder auf der Warteliste.” Ob ihr persönlicher Eindruck aber der Realität im Stadtteil entspricht, kann Monika Hoffmann nicht sagen. Dafür fehle ihr der Überblick über den gesamten Stadtteil, „da die Plätze in Kooperation mit den Stadtschulamt vergeben werden.”

So einen Überblick könnte eigentlich der Kita-Wegweiser der Stadt im Internet geben. Aber der braucht dringend ein Upgrade.


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6 aus 49. Auswertung der Ziehungen von 1956-2010. Alles nur Zufall?

Von Julia Blume, Andreas Grieß, Edeela Mahmood, Jenny Otto und Tanja Praschak

Es ist eine 13. Das Waisenmädchen Elvira Hahn hat gerade eine weiße Kugel aus der Lostrommel gezogen, in der auf einem kleinen Zettel die erste Lottozahl der Bundesrepublik Deutschland stand. Keine Kameras, keine Scheinwerfer, kein großes Publikum…nur ein paar Angestellte der Lotterie und der Finanzbehörde haben sich versammelt. Es ist Sonntag, der 9. Oktober 1955, vier Uhr nachmittags und während die 250.000 ersten Lottospieler zu Hause von künftigem Reichtum träumen, werden die ersten Lottozahlen ohne weiteres Publikum im Hotel Mau in Hamburg gezogen. Die Kugeln werden von zwei Waisenmädchen abwechselnd aus der gut durchgemischten Lostrommel genommen und an einen Notar gegeben. Dieser öffnet sie und gibt den Zettel mit der gezogenen Zahl an eine Protokollantin, die diesen an eine Tafel klebt. Am Ende der Ziehung öffnet die Protokollantin alle übrigen 43 Kugeln und klebt die Zettel auf, um zu beweisen, dass jede Zahl nur einmal vertreten war.

Allen Abergläubigen ist an dieser Stelle zu sagen, dass die 13 zwar damals die allererste gezogene Zahl der Lotterie in Deutschland war, aber genau so schnell verschwand sie auch wieder aus dem Scheinwerferlicht: Die 13 wurde in den letzten 56 Jahren von allen 49 Zahlen am seltensten gezogen.

In der ersten Ziehung 1955 hatte noch niemand sechs Richtige. Erst einen Monat später gewinnen gleich drei Lottospieler in der sechsten Ausspielung jeweils fast 60.000 Mark mit sechs Richtigen. Das war am 13. November 1955 (nein, es war kein Freitag). Den Traum von der Million erfüllte die Lotterie erstmals ein Jahr nach der ersten Ziehung. Es war ein Bauarbeiter, der 1.043.364,50 DM gewann. Um die Spannung zu erhöhen, wurde 1956 die Zusatzzahl erfunden und von da an regelmäßig gezogen. Sie hatte in den ersten Jahren nur eine Bedeutung, wenn niemand sechs Richtige zog. Dann erhielten die Spieler mit fünf Richtigen und der Zusatzzahl die Gewinn Klasse 1. Eine eigene Gewinnklasse für die Zusatzzahl wurde erst 1962 eingeführt.

Am 4. September 1965 wurde die erste Lottosendung im Fernsehen ausgestrahlt.Karin Dinslage zog an diesem Tag die ersten Zahlen vor laufender Kamera. Ab 1967 moderierte sie die Ziehung abwechselnd mit Karin Tietze-Ludwig. Während Karin Dinslage nur bis 1971 jede Woche die Kugeln zog und Nummern verkündete, hielt Karin Tietze-Ludwig in den kommenden drei Jahrzehnten die Stellung.

Weil einmal pro Woche so wenig ist, werden die Lottospieler seit 1982 noch zusätzlich mit dem Mittwochslotto beglückt. Hier wurden zunächst 7 aus 38 gezogen. Die Gewinnchance war hierbei geringer und die Lottoscheine konnten dadurch günstiger vertrieben werden. Nach vier Jahren sollte 1986 eine zweite Ziehung an jedem Spieltag für frischen Wind und doppelte Spannung sorgen. Um bei all den Zahlen nicht durcheinander zu geraten, entschied man sich, Mittwochs wie auch Samstags 6 aus 49 zu ziehen. Die Preise für das Mittwochslotto glichen sich somit den höheren Samstagspreisen an. Nachdem Mittwoch und Samstag in der Welt des Lotto lange getrennte Wege gingen, fanden sie im Jahr 2000 doch noch zueinander. Man teilte sich von nun an einen Jackpot und die Gewinnsummen. Auch auf “zweigleisig” verzichteten sie und begnügten sich ganz monogam jeweils mit einer Ziehung am Mittwoch und einer am Samstag. Seitdem blieben die seit 1998 von Franziska Reichenbacher moderierten Lottoziehungen unverändert.

Unser Projekt

Reiner Zufall? Das glauben wir nicht. Wir zeigen auf unserer Minisite, welche Faktoren wirklich die Lottozahlen beeinflussten…Es kann ja schließlich kein Zufall sein, dass die 21 in kalten Jahren kaum gezogen wird. Oder etwa doch?

Wir haben alle 6 aus 49 Ziehungen seit 1956 analysiert und entschlüsselt, welche Zahlen prozentual wie häufig gezogen wurden. In unseren interaktiven Grafiken kann jeder selbst nach Zusammenhängen suchen. Unter Beispiele haben wir uns bereits auf die Suche nach tendenziell eher obskuren Zusammenhängen gemacht. Zudem haben wir Lotto-Spieler befragt: Welche Zahlen tippen Sie und warum?

Und welche Zahlen sollte man nun tippen? Darauf haben auch wir keine Antwort. Klar feststellen lässt sich aber eines: Umso mehr Zahlen gezogen werden, umso mehr gleicht sich der Anteil der Zahlen untereinander an, wie man auf nachfolgender Grafik erkennen kann. Dort sind, wie in Erdschichten, alle 49 Kugeln aus dem Spielsystem 6 aus 49 (keine Zusatzzahl) mit ihrem jeweiligen Jahresanteil dargestellt. Die Summe aller gezogenen Zahlen ergibt 100 Prozent. Es fällt auf: Seit die Mittwoch-Ziehungen ebenfalls zu 6 aus 49 gehören, sprich sich die Anzahl der Ziehungen deutlich erhöht hat, sind die Schwankungen deutlich geringer geworden.


Die vollständige Lotto-Auswertung ist zu finden unter lotto.youdaz.com, bzw. über den entsprechenden Beitrag auf YOUdaz.com

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Was verraten die statistischen Jahrbücher der Stadt Frankfurt?

Von Sebastian Eder, Ina Hübener, Julia Rösch, Kataryna Scherer, Carla Schneider und Lena Weitz
Sie sind mehrere hundert Seiten dick und wenn man Glück hat, bergen sie einen Schatz: Die statistischen Jahrbücher der Stadt Frankfurt. Wer genug Ausdauer beweist und sich durch die schier endlosen Zahlenkolonnen quält, dem fallen oft Gemeinsamkeiten oder starke Unterschiede auf, die Zusammenhänge erkennen lassen. Wenn dann noch ein Experte gefunden wird, der diese Verknüpfungen erklären kann, ist der Weg zur großen Story nicht mehr weit.

Nur: Wo stecken sie, die Zusammenhänge? Wir haben uns die Bücher der vergangenen Jahre angeschaut und uns drei Fragen gestellt: Wie liegen die Mietpreise im Vergleich zur Anzahl der Sozialhilfeempfänger in einem Stadtteil? Gibt es weniger Arztpraxen in den Vierteln, wo viele von Hartz IV leben? Und hängen die Anzahl der Straftaten irgendwie mit den Ausgaben für Bildung zusammen?

Um diesen drei Fragen auf den Grund zu gehen, mussten wir zunächst die nötigen Daten scrapen lassen. Dann kam die Kleinarbeit: Etliche Zahlen mussten durchkämmt und nach möglichen Auffälligkeiten untersucht werden. Ganz zu schweigen von den Experten, die unsere Erkenntnisse entsprechend kommentieren sollten und die erst einmal aufgetrieben werden mussten.

Beginnen wir mit der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Kassenärzte und der Sozialhilfeempfänger in einem Stadtteil gibt. Um es kurz zu machen: nein. Kassenärzte sind für alle gesetzlich Krankenversicherten zuständig, also für 90 Prozent der Bevölkerung, erklärt Katharina Böhm; sie ist Expertin für Gesundheitssystemanalyse und Gesundheitspolitik an der Goethe-Universität. Einen kausalen Zusammenhang könne es allenfalls zwischen Anzahl der gesetzlich Versicherten und Anzahl der Kassenärzte geben, nicht zwischen diesen und der Anzahl der Sozialleistungsempfänger. Die Verteilung der Kassenärzte, so Böhm weiter, ergebe sich historisch, weil Praxen von einem Arzt weiterverkauft oder vererbt und neue kaum zugelassen werden. Kein Beitrag also.

Wie sieht es mit den Mietpreisen und der Anzahl der Sozialhilfeempfänger aus? Bei der Recherche war uns aufgefallen, und das zeigt die Heatmap recht deutlich, dass auch in Stadtteilen mit recht hohen Preisen wie Sachsenhausen viele Hartz-IV-Empfänger leben. Wir fragten bei Marianne Rodenstein vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Uni nach. Sie gab uns den Tipp, beim Amt für Wohnungswesen nachzufragen. Sie vermutet, dass in Sachsenhausen zahlreiche Wohnungen von städtischen Wohnungsbaugesellschaften getragen werden. Ein guter Anhaltspunkt; bei einer fortführenden Recherche wäre das der nächste Schritt.

Bleibt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Anzahl der Straftaten und den Ausgaben für Bildung in Frankfurt. Der Motion Chart verrät, dass während die Bildungsausgaben in den letzten Jahren gestiegen sind, gleichzeitig immer weniger Menschen straffällig wurden. Und auch Horst Entorf, Experte für Sozialstaat, Bildungsökonomie und Kriminalität an der Goethe-Universität findet diesen Ansatz interessant: „Es würde meine Forschungsergebnisse bestätigen, die besagen, dass mehr Bildung zu weniger Kriminalität führt.“ Allerdings rät er, genauer hinzuschauen: Derzeit sei es überall so, dass die Zahl der „Fallzahlen“ fällt, nicht nur in Frankfurt. Die meisten „Fallzahlen“ kämen aber am ehesten durch Bagatelldelikte zustande, seien also weniger wichtig als Körperverletzungen oder gar Morde. Es mache wenig Sinn, sich allein auf Frankfurt zu konzentrieren. Die Frage sei vielmehr, inwiefern sich Frankfurt von anderen Städten unterscheide.

Zwei Ansätze haben sich also als sinnvoll herausgestellt; keine schlechte Bilanz. Wichtig ist, sich schnell auf ein Thema zu einigen und gemeinsam in eine Richtung zu recherchieren; wir haben am Anfang zu sehr im Nebel gestochert.

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