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Foto: bilderheld / flickr.comIn den USA, Großbritannien oder Schweden gehören offen zugängliche Datenbanken zum journalistischen Alltag. Für einen deutschen Journalisten ist es dagegen nicht immer einfach, an Datensätze heranzukommen. Ein Einblick in die rechtliche Situation in Deutschland zeigt den Konflikt zwischen Datenschutz und Open Data und, welchen Aufwand das für Journalisten bedeutet.




Urheberrecht, komplizierte Strukturen und Bürokratie

von Lena Kasper

Wie lange brauche ich von zu Hause aus mit dem Zug in die Innenstadt? Bringt mich der Bus morgens schnell an meinen Arbeitsplatz? Die Anwendung Mapnificent kann diese Fragen beantworten und zeigt, wie viel mit Datensätzen möglich ist. Aber das Beispiel Mapnificent verdeutlicht auch, wie die rechtliche Lage in Deutschland die Arbeit mit Datensätzen erschwert.


Die hellen Stellen zeigen, wohin sich der Nutzer innerhalb von 20 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen kann.

Der IT-Systems Engineering Student und Open Data-Aktivist Stefan Wehrmeyer hat die Anwendung entwickelt. „Mapnificent ist eine Erreichbarkeitskarte für den öffentlichen Nahverkehr“, erklärt der 23-Jährige. Für die Darstellung nutzt der Entwickler Google Maps. Mapnificent zeigt dem User nach wenigen Klicks, wie weit er von einem ausgewählten Ort innerhalb einer bestimmten Zeit mit Bus oder Bahn kommt. Angenommen jemand sucht in New York nach einer neuen Wohnung, möchte morgens mit dem Bus ins Büro fahren und für diesen Weg nicht mehr als 20 Minuten brauchen. Auf Wehrmeyers Karten kann der Suchende nun die Adresse seines Büros anklicken und die Fahrzeit auf 20 Minuten einstellen. Sofort zeigen ihm helle Felder an, wie weit er von seinem Arbeitsplatz aus mit dem Bus in diesem Zeitraum kommt. Anhand der Grafik kann der Benutzer sich dann in der Umgebung, die durch die hellen Felder abgedeckt wird, nach einer neuen Wohnung umsehen. So bewahrt die Anwendung beispielsweise davor, dass man sich für eine Wohnung mit schlechter Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel entscheidet.

Bei der Entwicklung von Mapnificent ließ sich Wehrmeyer von Mapumental inspirieren, einer Seite die Verkehrsanbindungen in ganz Großbritannien graphisch darstellen will. Sie läuft derzeit allerdings noch in der privaten
Beta-Phase.

Um Mapnificent programmieren zu können, benötigte Wehrmeyer die offiziellen Daten der Nahverkehrsgesellschaften. In den USA war das gar kein Problem. Die dortigen Verkehrsgesellschaften stellen ihre Fahrpläne in maschinenlesbarer Form kostenlos zur Verfügung. Entwickler wie Wehrmeyer können sie dann für ihre Projekte nutzen.

Welche praktischen Vorteile die Anwendung bietet erklärt Wehrmeyer in seinem Video.


Berliner Verkehrsgesellschaften wollen Daten nicht freigeben

Als er die Erreichbarkeitskarte auch für Berlin umsetzen wollte, stieß er auf erste Probleme: Weder auf der Seite der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) noch auf der des Verkehrsbundes Berlin Brandenburg (VBB) gab es die Datensätze des Nahverkehrs. Für Wehrmeyer keine große Überraschung: „Weder die BVG noch der VBB sind entwickleroffen.“

2008 war es bereits zu einem Streit zwischen der BVG und dem Software-Unternehmen Metaquark gekommen. Das Unternehmen nutzte für seine kostenlose Fahrplan-Applikation Fahr-Info Berlin die Streckenpläne der Berliner Verkehrsgesellschaft. Die BVG verbot die Nutzung der Netzpläne, da sie das Urheberrecht verletzen würde. Nach einigen Diskussionen erklärte sich aber der VBB dazu bereit, seine Fahrpläne der Applikation zur Verfügung zu stellen.

Der Widerstand der BVG geriet in heftige Kritik, in einem Artikel der taz zweifelte der Hamburger Rechtsanwalt Till Kreutzer daran, dass die BVG für ihre Streckenpläne überhaupt auf Urheberrecht bestehen könne. „Es handelt sich hier um Gebrauchsgrafiken, also rechtlich um Werke der angewandten Kunst. Diese unterliegen deutlich höheren Anforderungen an die Schöpfungshöhe“, erklärte Kreutzer im Interview mit der taz. Einen solchen Netzplan würde schließlich jedes Nahverkehrsunternehmen in Deutschland ungefähr so gestalten.

Als Wehrmeyer Interesse an den offiziellen Datensätzen des Berliner Nahverkehrs zeigte, behauptete der VBB, die Daten seien auf Anfrage auf jeden Fall zu haben. Wehrmeyer schickte eine Anfrage, bekam aber keine Antwort. „Für mich ist das kein öffentlicher Datenzugang“, sagt der Entwickler. Daher nutzt er bisher für Mapnificent in Berlin nur die Daten, die man im Internet über die offiziellen Fahrplanseiten bekommt. „Um eine korrekte Visualisierung zu erstellen, brauche ich aber wirklich alle offiziellen Nahverkehrsdaten aus Berlin“, meint Wehrmeyer. Deshalb führt er weiterhin Gespräche mit der BVG und dem VBB. Durch seine Bemühungen scheint auch schon etwas in Bewegung gekommen zu sein. Denn mittlerweile veröffentlichte der VBB eine Entwicklerseite und kündigte an, Daten in naher Zukunft bereitzustellen. Allerdings sind die Nutzungsbedingungen sehr streng und die Daten daher „nicht offen“, so Wehrmeyer. Die Entwickler müssen sich erst einmal einen Testzugang einrichten. Erst nach der Testphase und der Unterzeichnung der Nutzungsbedingungen kann man dann die komplette Liste aller Haltestellen aus Berlin und Brandenburg nutzen.

Urheberrecht auf Karten, die der Steuerzahler finanziert

Doch der Widerstand der Verkehrsgesellschaften war nicht das einzige Problem, dem der Entwickler bei seiner Arbeit mit Datensätzen begegnete. Für eine weitere Visualisierung nutzte Wehrmeyer Karten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Ich wollte verschiedene Karten zusammenmischen, um Schnittpunkte aufzuzeigen.“ Diese Visualisierung veranschaulichte, an welche Orte Gelder aus dem Konjunkturpaket II flossen und stellte sie in Zusammenhang mit anderen sozialen Daten, wie beispielsweise der Anzahl der Arbeitslosengeld II-Empfängern in diesen Gebieten. Hier konnte der Nutzer auf einen Blick sehen, was mit seinen Steuergeldern passierte und wem sie zu Gute kamen.


Er hat Mapnificent entwickelt: Stefan Wehrmeyer.

Die Senatsverwaltung protestierte und Wehrmeyer musste die Darstellung wieder aus dem Netz nehmen. Der Grund war auch diesmal wieder die Verletzung des Urheberrechtes. Auf der offiziellen Seite der Senatsverwaltung betont diese, dass die Grafiken nur für den privaten Gebrauch vervielfältigt werden dürfen und dass es ohne Zustimmung nicht erlaubt sei, die Karten zu benutzen. Daher verlangte die Senatsverwaltung Lizenzgebühren von Wehrmeyer für die Benutzung der Karten. Für den Open Data-Aktivisten unvorstellbar: „Wenn Karten von Steuergeldern finanziert werden, dann will ich sie auch kostenlos haben. Die Politik muss in diesem Bereich auf jeden Fall etwas verändern, damit mit Daten, die die Allgemeinheit betreffen, vernünftig umgegangen werden kann.“

Auch Professor Doktor Thomas Wilmer, Datenschutzbeauftragter der Hochschule Darmstadt, kritisiert die Reaktion der Senatsverwaltung und die momentane Gesetzeslage, die dafür sorgt, dass sich Verwaltungen ihre Arbeit mit öffentlichen Daten ureberrechtlich schützen lassen können. „Wenn die öffentliche Verwaltung Dokumente produziert, die der Bürger finanziert hat, dann muss man sich fragen, ob der Bürger nicht auch ein Recht darauf hat, mit diesen Daten zu arbeiten“, erklärt Wilmer.

Veränderungen durch die Politik wünscht sich auch Christian Kreutz, Politologe und Gründer von Frankfurt Gestalten: „Lizenzen und Gesetze hängen in Bezug auf die Datennutzung noch völlig hinterher. Privatpersonen werden dabei gar nicht erwähnt, in Deutschland ist niemand darauf gefasst, dass einzelne Personen mit Datensätzen arbeiten wollen.“

Keine Veränderung trotz Informationsfreiheitsgesetz

Aber wieso ist Deutschland so zurückhaltend, wenn es um Datenjournalismus geht? Für Wehrmeyer sind die deutsche Mentalität und die verschlossenen Strukturen ein Grund dafür. „Vor allem bei Behörden und in der Verwaltung ist alles streng hierarchisch und bürokratisch geregelt, da gibt es oftmals nicht viel Spielraum.“ Natürlich könne man mit den Behörden reden und es gebe auch immer Leute, die helfen wollen, so Wehrmeyer, „aber durch die Strukturen wird vieles verlangsamt oder es wird manchmal sogar ganz unmöglich, an die gewünschten Daten heranzukommen.“ Kreutz stimmt seiner Einschätzung zu: „Wir verschlafen in Deutschland oft die Beteiligung. Fortschrittliche Versuche wie in Großbritannien gibt es hier viel zu selten. Das liegt vor allem an der typisch deutschen Skepsis. Oftmals ist sie gesund, in diesem Fall lähmt sie aber die Entwicklung des Datenjournalismus.“

Auch das Informationsfreiheitsgesetz, das seit 2006 gilt, scheint nicht viel an der Zurückhaltung in Deutschland geändert zu haben. Durch das Gesetz haben Bürger die Möglichkeit, Anfragen an Behörden zu schicken und nach Auskunft sowie Akteneinsicht bei öffentlich relevanten Daten zu verlangen. Erstmals ist es durch das Informationsfreiheitsgesetz auch möglich, Datensätze zu erhalten, die die eigene Person nicht direkt betreffen. Die aktuelle Statistik des Bundesministeriums des Innern zeigt aber, dass im Jahr 2010 nur 1557 Anfragen gestellt wurden. „Das Informationsfreiheitsgesetz hat rein statistisch nicht viel bewirkt“, sagt Wehrmeyer. „Wir hoffen, das liegt daran, dass dieses Gesetz einfach zu kompliziert ist.“ Für Wilmer liegt der Grund für die geringe Nachfrage nach Auskunft nicht an der Struktur des Gesetzes. „Es gibt momentan noch zu wenige Leute, die sich wirklich interessieren, als das es zu wenige Informationen gäbe.“

Um die Zahl der Anfragen zu steigern und das Interesse der Leute zu wecken, arbeitet Wehrmeyer an einem neuen Projekt, der Plattform „Frag den Staat“. Inspiriert von der englischen Plattform What do they know? soll die geplante Anwendung den Usern ermöglichen, öffentlich Fragen an die Behörden zu stellen. Auch deren Antworten sind dann für alle Interessierten zugänglich. „Frag den Staat“ soll die Bürger dazu animieren, ihr Recht auf Information mehr zu nutzen.
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Christian Kreutz und
Prof. Dr. Thomas Wilmer (von links)

Open Data und Datenschutz – Ein Widerspruch?

von Laura Löffler und Lena Kasper

Die Open Data-Bewegung kämpft für einen freien Zugang zu Daten, Datenschützer wollen verhindern, dass Daten missbraucht werden. Zunächst scheinen beide grundsätzlich verschiedene Interessen zu haben. Doch lassen sich Open Data und Datenschutz tatsächlich nicht miteinander vereinbaren? Wir haben mit Christian Kreutz, dem Gründer von Frankfurt Gestalten und Mitglied des Open Data Networks und dem Datenschutzbeauftragten der Hochschule Darmstadt, Professor Doktor Thomas Wilmer gesprochen.

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Interview mit Gregor Aisch: Aufspüren – kombinieren – visualisieren

von Laura Löffler

Gregor Aisch ist Programmierer und Designer. Er hat Computervisualistik in Magdeburg studiert und visualisiert heute Datensätze für Medien wie Zeit Online und taz.de. Außerdem betreibt er das Blog vis4.net, auf dem er sich mit den Arbeiten anderer Medien auseinandersetzt und eigene Projekte vorstellt. Mit uns hat er über seine Arbeit als Infografiker und das Handwerk des Datenjournalismus gesprochen.


Visualisierte Ströme von Parteispenden sind nur ein Projekt von Gregor Aisch.

Herr Aisch, was macht eine gute Datenvisualisierung aus?
Sie muss effektiv sein, das heißt, der Betrachter muss sie innerhalb einer bestimmten Zeit verstehen. Wichtig ist auch, dass die Maßstäbe und Dimensionen korrekt sind. Außerdem sollte man die Daten von einem neutralen Standpunkt aus darstellen und den Betrachter zum Beispiel nicht durch die Farbwahl manipulieren. Auch die Ästhetik spielt eine große Rolle, schließlich möchte man die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Daten lenken und ihn dazu bekommen, sich intensiv mit ihnen auseinander zu setzen.

Woher nehmen Sie die Datensätze, mit denen Sie arbeiten?
Da gibt es eine ganze Reihe von Quellen, zum Beispiel das Statistische Bundesamt oder Web-Veröffentlichungen von Datensätzen des Bundestags. Einige dieser Datensätze sind maschinenlesbar, andere muss man zum Beispiel aus HTML-Formaten herauslesen. Das Aufspüren von interessanten Datensätzen ist der investigative Teil des Datenjournalismus. Oft muss man auch mehrere Datensätze miteinander kombinieren, um eine Geschichte herauszulesen.

Wie lange arbeiten Sie durchschnittlich an einer Grafik?
Das kommt ganz darauf an, wie komplex die Grafik ist und ob sie interaktiv oder statisch ist. Manchmal gibt es schon Tools, auf denen ich aufbauen kann. Dann geht es schneller, als wenn ich alle Tools neu programmiere. Außerdem hängt es natürlich auch vom Thema ab, wie lange ich mir Zeit nehmen kann. An meiner Fluglärmkarte zum Beispiel habe ich zwei Wochen gearbeitet, für andere Themen habe ich nur zwei Tage Zeit, weil sie sonst nicht mehr aktuell sind.


Von welchem Land fließen welche Finanzhilfen wohin? Aisch hat es veranschaulicht. Weiß: Geberländer. Rot: Empfänger.

Warum betreiben Online-Medien in Deutschland so wenig Datenjournalismus?
Einerseits ist das eine Kostenfrage. Einige Medien haben kein Geld, um einen Programmierer einzustellen. Andererseits muss aber auch erst ein Umdenkprozess in Gang gesetzt werden, für den viele Medienhäuser lange brauchen. Einige Medien arbeiten ja schon interaktiv, zum Beispiel mit Klickstrecken, aber das ist nicht unbedingt Datenjournalismus.

Welche Software nutzen Sie, um Daten zu visualisieren?
Um einen ersten Einstieg in einen Datensatz zu bekommen, nutze ich Excel, spiele mit verschiedenen Diagrammen herum und überlege, wie ich die Daten am besten darstelle. Dann baue ich mir die Tools, die ich brauche, selbst.

Kann jeder Online-Redakteur Infografiken erstellen, wenn er über entsprechende Software verfügt?
Ich bin schon der Meinung, ein eigener Programmierer ist von Vorteil. Zum Teil lassen sich aber auch mit Excel und anderen Tools gute Ergebnisse erzielen, aber man muss wissen, welche Tools es gibt und was man mit ihnen umsetzen kann. Ich finde sowieso, je weiter man in ein Programm einsteigt, desto geringer wird der Unterschied zum Programmieren. Es gibt auch schon Kurse, in denen Journalisten das Programmieren relativ schnell lernen können. Die Programmiersprachen sind heute, wenn man Englisch kann, auch viel leichter zu verstehen, als noch vor einigen Jahren.

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