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EinstiegDaten verfolgen uns im Alltag auf Schritt und Tritt. Unbearbeitete Datensätze wirken meistens riesig, unübersichtlich und staubtrocken. Wie Datenberge verständlich, informativ und unterhaltsam dargestellt werden können und wie Daten vom Verfolger zum nützlichen Begleiter werden, zeigt unser Einstieg in die Welt des Datenjournalismus.





Florence Nightingale: Eine Vorreiterin des Datenjournalismus

von Anja Mendel

Daten geben Phänomenen ein Gesicht und einen Namen. Sie decken Missstände auf, helfen Lösungen zu finden oder bringen Ordnung in ein scheinbares Chaos. Daher machen es sich Menschen zur Aufgabe, Daten aufzubereiten und visuell umzusetzen. Vielen geht es dabei nicht einfach um einen Bestandteil ihres Jobs oder Berufsbildes. Es ist ihnen vielmehr ein persönliches Bedürfnis, etwas zu verändern:


Florence Nightingale (1820-1910): Die bekannteste englische Krankenschwester des 19. Jahrhunderts gilt als Wegbereiterin der Datenvisualisierung.

So ging es schon im 19. Jahrhundert der englischen Krankenschwester Florence Nightingale. Nightingale gilt als Begründerin der modernen Krankenpflege und Wegbereiterin der visuellen Darstellung statistischer Daten.

Oktober 1854: Es ist die Zeit des Krimkriegs, bei dem Russland sein Reich auf Kosten des Osmanischen Reiches vergrößern will. Großbritannien, Frankreich und Sardinien unterstützen dabei die heutige Türkei. Beim ersten modernen Stellungskrieg verlieren besonders viele Soldaten ihr Leben. Die meisten fallen jedoch nicht auf dem Schlachtfeld. Sie sterben stattdessen an Seuchen wie der Cholera, die Folge von mangelnder Hygiene und unzureichender Wundversorgung sind.

Florence Nightingale ist es ein persönliches Anliegen, den Soldaten vor Ort in den Lazaretten zu helfen. Daher macht sie es sich mit weiteren Pflegerinnen zur Aufgabe, diese Missstände zu beheben. Sie sorgt dafür, dass die Räume in den Krankenhäusern renoviert und Heizungen installiert werden. Ab sofort sind ausreichend Betten, Waschräume und eine Krankenhausküche vorhanden. Zusätzlich organisiert Nightingale Unterhaltungsabende und Vortragsreihen. Es gelingt ihr schließlich, durch Organisation, körperlichen Einsatz und neuen Methoden in der Krankenpflege, die Sterblichkeitsrate der verwundeten Soldaten erheblich zu senken.

Datensammlungen helfen Florence Nightingale dabei, ihre Reformen in der Krankenpflege umzusetzen. Seit ihrer Jugend interessiert sie sich für Mathematik – speziell für den Bereich der Statistik. Diese Leidenschaft nutzt sie und versucht, sich ein Bild von den Zuständen in den Lazaretten und den Krankheiten der Soldaten zu machen. Dazu sammelt sie Daten, bereitet diese visuell auf und zieht aus den Ergebnissen Schlüsse. Um an die benötigten Informationen zu gelangen, verteilt sie Fragebögen an die Soldaten. Zusätzlich bedient sie sich bereits vorhandener Daten aus Regierungsberichten von britischen Behörden.

Um nun die Situation der Soldaten auf längere Sicht hin beurteilen und verändern zu können, entwickelt Florence Nightingale das „Polar Area-Diagram“.



Mit Hilfe des „Polar Area-Diagram“ zeigte Nightingale die Todesursachen der Soldaten während des Krimkriegs bildlich auf.

 

In der Grafik zeigt Nightingale die verschiedenen Todesursachen der Soldaten während des Krimkrieges auf. Blau dargestellt sind alle Todesfälle durch Infektionskrankheiten, rot die Anzahl der Menschen, die an Verwundungen gestorben sind, und schwarz diejenigen, die aus anderen Gründen ihr Leben gelassen haben.


In ihrem Werk „Notes on Nursing“ (1859/1860) fasste Florence Nightingale ihre Grundsätze zur Krankenpflege zusammen.

Nachdem Nightingale 1856 aus dem Krimkrieg nach England zurückkehrt, schreibt sie für die Regierung Berichte über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse. Im Laufe der Jahre veröffentlicht Nightingale knapp 200 Bücher mit Datenvisualisierungen über verschiedene Themen, vor allem über soziale Missstände.

Florence Nightingale und ihren Aufzeichnungen ist es zu verdanken, dass die Sterblichkeitsrate sank und das Berufsbild des Krankenpflegers insgesamt an Bedeutung gewann. Dadurch revolutionierte Nightingale das britische Gesundheitswesen, das bis heute ihre Handschrift trägt.

Zu ihren Lebzeiten hätte niemand Florence Nightingale als Journalistin bezeichnet – schon gar nicht als Datenjournalistin. Erst die britische Tageszeitung „The Guardian“erwähnte sie 2010 als Wegbereiterin der visuellen Darstellungen von Statistiken in diesem Bereich.

Eine klassische Geschichte zur Entstehung des Datenjournalismus, wie man sie vielleicht auf Wikipedia zu finden erhofft, sucht man vergeblich. Der Datenjournalismus ist nicht plötzlich da gewesen und hat sich dann kontinuierlich entwickelt. Die Menschen haben sich allerdings schon lange vor dem Internetzeitalter damit beschäftigt, Daten anschaulich darzustellen, um so gesellschaftliche Phänomene aufzuzeigen. Der Datenjournalist Lorenz Matzat schildert diese Chronologie in seinem Blog.

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Online-Journalismus zwischen Daten und Multimedia

von Talisa Dean

2010 zog der Datenjournalismus, insbesondere mit WikiLeaks, die Aufmerksamkeit der Medienöffentlichkeit auf sich. Mit der Veröffentlichung der Irak-Kriegstagebücher WarLogs war der Foltervorwurf gegen die US-Army erneut in aller Munde. Ebenso, wie mit der Verbreitung von internationalen diplomatischen Dokumenten, machte WikiLeaks solch brisante Informationen unbearbeitet und unkommentiert für jeden zugänglich. Eine riskante Strategie, da es sich bei den Daten um geheime Dokumente handelt, die der Öffentlichkeit auch aus Sicherheitsgründen bewusst verschlossen bleiben sollten. Viele Insider wittern in diesem Zuge den Beginn einer neuen Ära im Online-Journalismus. Unter dem Stichwort Transparenz verbreitet sich schnell die Faszination eines neuen, scheinbar unerschöpflichen und unbegrenzten Datenaustauschs.


Amanda Cox (NYT) setzt mit innovativen Anwendungen Meilensteine im Datenjournalismus. Foto: Jarle H. Moe / Lizenz: by-sa

Letztendlich bedeutet Datenjournalismus aber viel mehr. Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Englischen. Hier sprechen Online-Journalisten vom „Data Driven Journalism“. Wie der Name schon sagt, geht es trotz des verstärkten Einsatz von Rohdaten immer noch vor allem um die journalistische Aufarbeitung. Komplexe Sachverhalte sollen auf Basis von vielschichtigen Datensätzen kompakt vermittelt werden. Vorreiter auf diesem Gebiet sind unter anderem die Newswebseiten der New York Times und des Guardian. Amanda Cox, Graphikredakteurin der NYT, wird unter Profis momentan als die Königin der „News Graphics“ gehandelt. Besonders bekannt ist ihre multimediale Darstellung der Arbeitslosigkeit in den USA. Mit dieser interaktiven Anwendung ermöglichte sie es dem Leser anschaulich und mit wenigen Klicks herauszufinden, wie hoch die Arbeitslosigkeit innerhalb seines eigenen gesellschaftlichen Milieus im Vergleich zur durchschnittlichen US-Arbeitslosenrate ist. Als reiner Text wäre eine derartig plastische Darstellung kaum vorstellbar. Das zeichnet den Datenjournalismus aus: Komplizierte Themen lassen sich durch multimediale Aufbereitung oft leichter und effizienter verarbeiten.


Individuell verstellbar: Die US-Arbeitslosigkeitsrate aus unterschiedlichen Perspektiven.

An sich ist multimediale Darstellung nichts Neues, im Service- und Newsbereich findet sie schon lange Verwendung. Klassische Beispiele findet man in Wahlgraphiken, Sporttabellen und Testberichten. Auch in diesen Fällen werden viele Informationen und Ergebnisse in einer Anwendung grafisch dargestellt. Allerdings nehmen die meisten Menschen diese Produkte nicht als journalistische Arbeit wahr. Es gibt viele Parallelen zwischen klassischer Infografik und Datenjournalismus, kleine Feinheiten zeigen aber deutliche Unterschiede auf. Die Kunst des Datenjournalismus ist es, die graphische Aufarbeitung von komplexen Informationen für den Leser greifbar zu machen. Die Schwierigkeit hierbei besteht darin einen journalistischen Wert aufzuzeigen und sich nicht in Effekten zu verrennen. Martin Wattenberg, von IBM Research, schafft es immer wieder diese Gratwanderung zu meistern. So auch im Fall Map of the Market für die Online Ausgabe des Wall Street Journal. Anhand dieser Graphik wird dem User auf einen Blick klar, ob es sich um einen guten oder um einen schlechten Börsentag handelt.

Innerhalb der letzen Jahre erlebte das Cross- und Multimedia-Konzept einen starken Aufschwung, vor allem wegen neuen Entwicklungen in Sachen Technologie. Mit dem Vertrieb von Smartphones und Tablet PCs ist die Internetnutzung heute mobiler denn je. Viele Menschen sind inzwischen nicht mehr nur ständig erreichbar, sondern zusätzlich geradezu permanent online. Dieses veränderte Nutzungsverhalten fordert gleichfalls neue Anwendungen und Produkte. In Anbetracht des Erfolgs von iPhone, iPad und zahleichen Apps, liegt es nahe, dass Schnelligkeit, Effizienz und Übersicht besonders gefragt sind. Dem stehen enorme Datenpakete und unendliche Darstellungsmöglichkeiten gegenüber. Wie beeindruckend graphische Aufbereitung von Daten sein kann, zeigt Aaron Koblins spektakuläres Beispiel vom Flugverkehr über Amerika.



Das Video zeigt die Flugrouten über den USA als animiertes Farbenspiel.
 

Aktuell etablieren sich datenjournalistische Produkte auch vermehrt als Recherchestützen von Journalisten für Journalisten. The Guantánamo Docket der New York Times ist eine besonders informative und eingängige Auflistungsart der Strafgefangenen in Guantánamo Bay. Auch hier können Informationen gezielt entnommen werden, was den Rechercheeinstieg bezüglich eines spezifischen Straftäters ungemein erleichtert. Wegen der klaren Benutzeroberfläche, lassen sich besonders viele und zugleich spezielle Ergebnisse finden, ohne gewaltige Datenbanken zu durchforsten.

Allerdings ist der Datenjournalismus bislang kaum in den journalistischen Alltag integriert worden. Meist hapert es an Zeit und finanziellen Mitteln, weshalb größere datenjournalistische Projekte, insbesondere in Deutschland, eher selten sind. Ebenso fehlt es vielen Redakteuren an Software- und Progammierkenntnissen, welche in der Regel nur in Eigeninitiative entwickelt werden können. Das muss jedoch nicht so bleiben. Viele Journalisten zeigen sich optimistisch, was die Verarbeitung und Vermittlung von Daten im Alltagsgeschäft betrifft. Bernd Helfert von der Multimedia Abteilung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, spricht in diesem Zusammenhang von Leuchtfeuern, welche die nötigen Impulse zur Weiterentwicklung verursachen. WikiLeaks habe es als Medienorganisation vorgemacht, nur eben ohne die nötige multimediale Aufbereitung. „Man kann es immer schlechter, oder besser machen.“, erzählt er. „ Lege ich jemandem aber eine Abbildung und einen Text zum gleichen Thema vor, wird er den Sinn der Abbildung immer schneller erfassen.“

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Datenjournalismus: Was nutzt uns das?

von Johanna Willimsky

Keep it simple and stupid – das klingt erst einmal nach Kinderfernsehen. Im Falle der visualisierten Darstellung von Daten geht es aber genau darum: Komplexe Zusammenhänge möglichst einfach und für jeden verständlich zu machen. Der Benutzer soll auf einen Blick erkennen, was die Visualisierung vermitteln will. In unserer Beispielsammlung haben wir einige Graphiken aufgelistet und detailliert erklärt.


Die rot markierten Punkte zeigen an, wo die Japaner medizinische Versorgung finden können. Es lassen sich jedoch auch Unterkünfte oder Verpflegungsstellen suchen.

Ein Beispiel von Datenvisualisierung mit aktuellem Anlass ist die Plattform Ushahidi. Sie wurde in Folge des Erdbebens und der Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 im Gebiet rund um die japanische Stadt Fukushima eingesetzt. Die interaktive Landkarte richtet sich direkt an die Betroffenen: Wo ist die nächste Unterkunft und wo gibt es etwas zu essen? Ein Klick auf den entsprechenden Link führt zu einem Mobildienst, der per google maps anzeigt, an welchen Orten Betroffene Versorgung bekommen. Da die Region immer noch von Nachbeben erschüttert wird, fließen Daten des Wetterdienstes zu den neuesten Erdbeben automatisch in die Graphik ein. Im Minutentakt verändert sich die Darstellung, sodass die Graphik immer auf dem aktuellsten Stand ist.

Ushahidi wurde bereits 2008 in Kenia entwickelt, um die Unruhen nach den dortigen Wahlen zu dokumentieren. In der Landessprache Suaheli bedeutet das Wort “Zeuge” oder „Zeugnis“. Die Plattform hat es sich zur Aufgabe gemacht, lokale Entwicklungen zu dokumentieren. Ushahidi ist ein Gemeinschaftsprojekt, das jeder Bürger über das eigene Handy mit Informationen füllen kann. Die Daten werden in verschiedene Kategorien wie „Zustand der Infrastruktur“, „Versorgung“ und „Gefahrenzone“ eingeordnet.


Lokalpolitik zum Mitmachen

Doch so weit muss man sich gar nicht von Deutschland entfernen. Auch hierzulande gibt es spannende Projekte, die zeigen, wie uns Datenjournalismus den Alltag vereinfachen und zu mehr politischer Beteiligung führen kann.


Was unmittelbar im eigenen Umfeld gerade passiert,
zeigt “Frankfurt gestalten” auf einen Blick.

Mit „Frankfurt gestalten“ macht das Team um Politikwissenschaftler Christian Kreutz Stadtviertel im Web interaktiv. Unter dem Motto „Bürger machen Stadt“ regt das Portal die Frankfurter Bevölkerung zum Mitmachen und Mitentscheiden in lokalpolitischen Fragen an. Die Bürger können ihre eigenen Vorschläge auf der Plattform publizieren und andere Initiativen kommentieren. Hier erfährt man, wo in Oberrad der nächste Hundetütenautomat ist, wie sicher die Frankfurter U-Bahn ist und ob sich die Stadt für Fahrradfahrer eignet. Der Leser sucht sich die Themen selbst heraus: das Angebot reicht von Abfall, Autofahren und Umweltschutz bis hin zu Büchereien, Kinderbetreuung und Freizeitangeboten. Die interaktive Landkarte zeigt die Region rund um Frankfurt und markiert die jeweiligen Orte zum ausgewählten Thema. Durch die Kommentarfunktion versucht die Bürger-Plattform die Diskussionskultur im Netz auszuweiten. Als Vorbild für das Mitmach-Portal „Frankfurt gestalten“ diente everyblock.com aus den USA. Dort können sich Bürger etwa über Baustellen in ihrer Nähe und Anträge von Politikern informieren
Das Beispiel „Frankfurt gestalten“ zeigt, wie durch Datenjournalismus und die Visualisierung von Daten mehr Bürgerbeteiligung und Transparenz erreicht werden kann.


Aufräumen im Zahlenwald


“Where does my money go?” soll für den englischen Steuerzahler transparent machen, wieviel seines Geldes etwa in die Bereiche Bildung, Gesundheit und Soziales fließt.

Um Transparenz geht es auch auf der Webseite „offener Haushalt“.Dort erfahren Bürger, was mit ihren Steuergeldern passiert. Welches Ministerium gibt wofür wie viel Geld aus? Sind die Ausgaben im Vergleich zum Vorjahr gestiegen oder gesunken? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, muss man sich nicht durch ein tausendseitiges Dokument wühlen, das vom Bundesfinanzministerium veröffentlicht wird. Dazu haben die meisten Internetnutzer weder Zeit noch Motivation. Auf der Seite des offenen Haushalts sind auch die Rohdaten verlinkt. Der Vorteil der Graphik: Der Leser sieht auf einen Blick, dass etwa die Ausgaben für Verteidigung höher sind als die für Forschung und Bildung.

Das Vorbild zum offenen Haushalt kommt aus Großbritannien und heißt dort „where does my money go?“. Das Projekt wurde 2007 von der Open Government Foundation gegründet. Die interaktive Graphik zeigt, wo jedes Pfund der britischen Steuerzahler im Haushalt eingesetzt wird.

Die herkömmliche Visualisierung von Daten, wie wir sie aus Fußballtabellen, Wetterkarten und Wahlergebnissen kennen, ist zwar nicht vorbei. Aber wir haben gesehen, dass es mittlerweile mehr Möglichkeiten gibt, Daten spannend aufzubereiten. Der Leser kann Regler bewegen und markierte Stellen anklicken. Er sucht sich seine Inhalte gezielt aus, bis er in einem Datensatz landet, der ihm genau die Infos liefert, die er benötigt.
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Die Zukunft kommt – lässt sich aber Zeit

von Kim Horbach

Noch bis vor einem Jahr war das Thema Datenjournalismus eher eine journalistische Randerscheinung als ein eigenständiges Genre. Spätestens die Veröffentlichung tausender geheimer US-Militärdaten durch die Plattform Wikileaks hat das geändert: Seitdem ist der Datenjournalismus auch in Deutschland auf dem Vormarsch – bewegt sich bislang allerdings in einem sehr überschaubaren Rahmen. Diese Einschätzung teilen zahlreiche Journalisten, die sich mit Datenjournalismus auseinandersetzen – so auch die Experten, die beim Workshop „Data Stories“ auf der Mediale 2011 in Darmstadt zum Thema gesprochen haben.

„Datenjournalismus fügt sich zwischen Multimedia-Storytelling und der klassischen Infografik ein“, erklärt Lorenz Matzat. Der freie Journalist und Medienpädagoge bloggt unter anderem für Zeit Online zu Entwicklungen von Open Data und Datenjournalismus. Er sieht hier großes Potenzial. Data driven journalism – die Zukunft des Journalismus? Zumindest ein Journalismus mit Zukunft, findet Matzat. „Natürlich ist Datenjournalismus zur Zeit schon auch ein Modethema. Aber er wird nicht wieder verschwinden: Er eröffnet neue Perspektiven, gleichzeitig nehmen Datensätze immer mehr zu und damit auch der Bedarf, diese zu erklären.“

„Der Bedarf, Datensätze zu erklären, nimmt zu.“

Diese Ansicht bestätigt auch Christian Kreutz, der Gründer des Online-Bürgerportals „Frankfurt Gestalten“. „Im Zeitalter größer werdender Datenmengen und einer immer größeren Datensammelwut ist Datenjournalismus das Instrument“, sagt Kreutz. „Diese Art des Journalismus hat auf jeden Fall Zukunft, die Frage ist vielmehr: Wer wird ihn machen? Werden es wirklich die Journalisten sein, oder werden diese Datengeschichten womöglich bald auch vermehrt von Usern erzählt?“



Beim Parteispenden Watch der TAZ können die Leser aktiv mit recherchieren.

Diese Frage ist nicht abwegig: Datenjournalismus – egal, ob vom ausgebildeten Journalisten oder Usern selbst betrieben – erhält dadurch seine Berechtigung, dass mit den Daten Geschichten erzählt werden. Geschichten mit Mehrwert für den Nutzer. Je interaktiver die Nutzer sich die Daten anzeigen lassen können und je genauer sie so an die für sie relevanten Informationen kommen, desto größer ist ihr Interesse und damit die Nachfrage. All das kann eigentlich nur online funktionieren. „Datenjournalismus ist nicht nur Recherchemethode, sondern gleichzeitig Veröffentlichungsform. Interaktive und datenbankbasierte Anwendungen sind nur online oder in einer App möglich, weil sie dynamisch auf den Nutzer reagieren können müssen“, sagt Lorenz Matzat. Er sieht darin ein absolutes Alleinstellungsmerkmal für den Online-Journalismus. „Zurzeit könnte man als Online-Medium in Deutschland viele Punkte sammeln, wenn man in die Pionierrolle schlüpfen und Datenjournalismus betreiben würde!“

Doch woran liegt es, dass sich Datenjournalismus in der deutschen Medienlandschaft bislang so wenig bemerkbar gemacht hat? Christina Elmer, leitende Redakteurin für Infografiken bei der dpa, sieht dafür gleich mehrere Gründe: „Einerseits liegt das an den Journalisten selbst, die wenig Erfahrung in dem Bereich haben. Viele sehen sich als Schreiber und nicht unbedingt in der Rolle, ihre Geschichten aus Daten zu generieren.“

„Zur Zeit könnte man als Online-Medium in Deutschland mit Datenjournalismus Punkte sammeln.“

Doch auch die Datenkultur sei mitverantwortlich dafür, dass der Datenjournalismus in Deutschland nur schwerfällig anläuft. „Es ist schlichtweg schwer, an umfassende Datensätze heranzukommen. Nach wie vor muss man als Journalist komplizierte Wege gehen, etwa mit obersten Behördeninstanzen kommunizieren, um relevante Daten zu erhalten.“ Auch fehle es an gesellschaftlichem Bewusstsein – die Bürger verzichten darauf, die Veröffentlichung der Datensätze einzufordern, für deren Erhebung sie Steuergelder zahlen. In diesem Punkt sieht auch Christian Kreutz viel Nachholbedarf. „Datenjournalismus bietet eine Riesenchance: Journalisten und die Gesellschaft müssen ihn betreiben, weil der Staat immer exzessiver Informationen über uns sammelt. Es ist also eine Verpflichtung, da Transparenz reinzubringen“, sagt er.



Noch mehr offene Daten der Stadt würden sich auch die Macher von Frankfurt Gestalten wünschen.

Möglicherweise ist auch die derzeit maue Situation der deutschen Zeitungsbranche ein Grund für die Startschwierigkeiten des Datenjournalismus. Matzat zufolge sind nun vor allem Verlage und Medienhäuser gefragt, neuen Formaten eine Chance zu geben und aktiv für Netzneutralität sowie Informationsfreiheit einzutreten. „Vielleicht sind in den USA oder Großbritannien einfach Geschäftstüchtigkeit und Risikobereitschaft höher als hierzulande“, vermutet er. Oftmals mangelt es in den Chefetagen der großen Verlage auch am Interesse und Verständnis für „dieses Online“. „Dass Datenjournalismus in Deutschland als Innovation gefeiert wird, zeigt eigentlich auch den Stand des Online-Journalismus hier“, so Matzat.

Große Hoffnungen setzt er auf anstehende Änderungen des Informations-Freiheitsgesetzes (IFG): Bald soll eine Art Push-Verfahren dafür sorgen, dass Daten öffentlicher Haushalte grundsätzlich veröffentlicht werden müssen und nur in Ausnahmefällen zurückgehalten werden. „Wenn das IFG an Open Data Standards orientiert wird, ergeben sich für den Datenjournalismus natürlich bessere Voraussetzungen“, sagt auch Christina Elmer. Außerdem sei auch das öffentliche Interesse und Bewusstsein deutlich gewachsen, seit Wikileaks die besagten US-Militärdaten veröffentlicht hat. „Da ist klar geworden, dass man sich als Journalist mit Datenmengen und Datenjournalismus auseinandersetzen muss“, bestätigt Matzat.

„Datenjournalismus als Innovation zu feiern,
zeigt den Stand des Online-Journalismus in Deutschland!“

Das derzeitige Problem, dass Datenjournalismus zeit- und ressourcenaufwändig ist, betrachtet er als lösbar. „Natürlich muss man Geld investieren und Programmierer, Gestalter und Journalisten müssen Zeit reinstecken. Aber die Tools werden besser. Und für Decision-Making als Finanzierungsmodell spricht einiges.“ Decision-Making: Das ist Datenservice am Nutzer, der als Entscheidungshilfe dient – etwa indem der Nutzer mithilfe von Datenbanken Preisvergleiche erstellen kann.



Der Guardian als Pionier: Hier sind die Angriffe der NATO in Libyen zu sehen, um Gaddafis Truppen zu schwächen.

Nicht nur für die Nutzer bietet der Datenjournalismus viele Vorteile. Auch für die journalistische Arbeit selbst ist er attraktiv: „Als Journalist versetzt mich Datenjournalismus in eine stärkere Position, wenn ich mein Thema mithilfe von Daten selbst analysiere und mich nicht auf Daten oder Pressemitteilungen von anderen verlassen muss“, erklärt Christina Elmer. „So kann man auch im regionalen und lokalen Journalismus exklusive Geschichten machen, die nicht jeder hat: Wenn ich ein Thema selbst durch Daten finde, kann ich mir auch den Luxus erlauben, umfassender zu recherchieren und eine größere Story daraus zu bauen“.

Welches deutsche Medium dieses Potenzial zuerst ausschöpft, bleibt abzuwarten. „Der Guardian aus Großbritannien führt seit dem Frühjahr 2009 sehr erfolgreich ein Datablog und ist für mich international das Flaggschiff des Datenjournalismus“, sagt Lorenz Matzat, „weil sie ihn dort am stringentesten durchziehen“. Eine derartige datenjournalistische Erfolgsgeschichte muss in Deutschland noch geschrieben werden.

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