» dpa-Modell

Foto: unendlich-viel-energie.deDie dpa gründete die erste Datenjournalismus-Redaktion in Deutschland: Die DataReporting-Redaktion machte sich auf die Suche nach eigenen Datensätzen und den Geschichten, die sie erzählen. Das kannte man zuvor nur aus den USA und England. Data-Reporting hat in einer case study aufgezeigt, welche Hürden noch zu meistern sind.



Erfolge und Hürden von dpa-DataReporting

Bettina Taylor

Die dpa baute mit DataReporting die erste Datenjournalismus-Redaktion in Deutschland auf. Ihr Fallbeispiel zeigt, dass die neue Form des Journalismus sich schwer tut, in unserer Medienlandschaft Fuß zu fassen.

Auf journalistischem Neuland eigene Geschichten finden

Terminjournalismus ist bequemer Journalismus: vorhersehbar, eindeutig und kurzlebig. Obwohl er auch zum täglich Brot der Presseagentur dpa gehört, wollte sie sich damit nicht zufrieden geben. Christoph Dernbach, Chefredakteur der Multimediatochter dpa infocom, gründete 2007 die Projektredaktion DataReporting. Zusammen mit dem dpa-Vertriebsleiter, Thorsten Matthies und DataReporting-Leiter Andreas Meyer, wagten sie sich an Themen heran, die aufwändige Recherchen erforderten. Denn diese tiefergehenden Themen gingen in der täglichen Berichterstattung wegen Zeit- und Geldmangel unter. Damit betrat die dpa deutsches Neuland. Den Trend Datenjournalismus kannten die meisten deutschen Journalisten zuvor nur aus den USA und Großbritannien.


Wie beeinflusst der Wohnort das Einkommen? DataActive-Grafiken wie diese werfen Fragen auf, die Entscheidungen in der deutschen Sozialpolitik aktiv mitprägen.

Aus Excel wird eine Story

Wie werden endlose Daten aus ominösen Excel-Tabellen für den Otto-Normalbürger interessant und verständlich? Diese Frage stellt sich das dreiköpfige DataReporting-Team jeden Tag aufs Neue. Sie sammeln, deuten und visualisieren Daten mit Hilfe von computerbasierten Techniken, die den meisten Journalisten fremd sind. Zur Recherche dienen unter anderem sogenannte DataMining-Programme. Mit ihnen suchen sie in Behördendaten nach Mustern und Auffälligkeiten. Welche Stadt produziert am meisten Müll in Deutschland? Wo brannten am häufigsten Häuser? Besonders in Deutschland sind Programme, welche Informationen aus Websites herausholen, ein wichtiges Recherchewerkzeug. Denn deutsche Behörden gelten als informationsgeizig. Journalisten müssen also andere Wege finden, um sich Daten zu erschließen. Der simple Anruf beim Sachbearbeiter reicht nicht.

Sind die Daten erst einmal gesammelt, werden sie in Schaubildern, Karten oder multimedialen Grafiken präsentiert. Auf einen Klick sieht der Leser zum Beispiel, wie viel Müll seine Stadt produziert. Ist er besonders interessiert, kann er sogar selbst in den Behördendaten stöbern und herausfinden, wo sein Müll hingeht. Denn Datenjournalisten liefern ihre Recherchequellen meistens gleich mit. Dpa-DataReporting hat mit diesen Techniken schon so manche Schlagzeile aus dem Datensumpf gefischt: „Beim Antrag auf Elterngeld sind Berlins Väter Spitze“. Oder: „Hauptempfänger der EU-Agrarsubventionen sind Großkonzerne wie die Südzucker AG“.

» Wie genau Datenjournalismus funktioniert, erklärt unser Einstieg.

Datenjournalismus in Klein – RegioData beliefert Lokalredaktionen


Im Universum der dpa spielt sich am meisten im Basisdienst dpa-Text und dpa-Bild ab. Sie beliefern Redaktionen mit Eilmeldungen und Fotos zu Ereignissen. Regio Data und DataReporting sind Projektredaktionen. Das Tochterunternehmen dpa-infografik GmbH visualisiert die Recherchen von Data Reporting.

Vor allem Lokalredaktionen, denen meist wenig Zeit und Geld für aufwändige Recherchen bleiben, sollen davon profitieren. Die RegioData-Abteilung von DataReporting schneidet Rohdaten und Grafiken auf regionale Medien zu. So liefert ein Schaubild entweder den letzten Recherche-Beweis für den Korruptionsverdacht des Bürgermeisters oder veranschaulicht lokale Arbeitslosenzahlen. Eine sonst trockene Nachricht wird so für den Leser greifbarer. Für Online-Medien gibt es zusätzlich DataActive. Die interaktiven Flash-Grafiken erlauben dem User, mit Statistiken zu spielen oder gar selbst zu recherchieren.

Dass die „Daten-Geeks“ von der dpa bei den Lokalredaktionen ankommen, zeigt sich durch eine einfache Google-Recherche mit dem Suchwort „RegioData“: Auch Qualitätszeitungen wie süddeutsche.de berufen sich in Schlagzeilen wie „Männlich, ostdeutsch, Schulabbrecher“ auf dpa-RegioData als verlässliche Quelle. Hier haben die Datenjournalisten Angaben der statistischen Landesämter ausgewertet und festgestellt, dass unter deutschen Schulabbrechern ostdeutsche Jungs besonders oft vertreten sind.

» Was Lokaljournalisten über RegioData denken.

Daten auf Raten – Das DataReporting-Team schrumpft

Das anfängliche Interesse versprach Erfolg. Doch selbst die Mittel der größten Nachrichtenagentur Deutschlands sind begrenzt. Im Juni 2010 fasste die dpa ihre Zweigstellen zu einer Zentralredaktion zusammen. RegioData schrumpfte von fünf auf drei Redakteure. Grund dafür sei auch die Kundenseite, erklärt Sascha Klettke. Er ist Produktmanager der dpa-infografik, die als Tochterunternehmen RegioData leitet: „Drei Themen pro Woche waren zu viel – sowohl, um sich damit ausführlich zu beschäftigen, als auch optisch. Wir reduzierten deshalb auf ein Thema. Dafür illustrieren wir die Karten jetzt aufwändiger.“

Doch war dies der einzige Grund? Laut dem aktuellen Geschäftsbericht der dpa-infografik brachte das Jahr 2009 einen Verlust von 249.782 Euro. Derzeit hat RegioData zehn Regionalmedien als feste Kunden. Auch wenn die dpa es nicht nachprüft, Klettke geht davon aus, dass jede Grafik ihren Weg „in die Blätter“ findet. Ob die dpa auf Dauer mit RegioData Geld machen wird, könne er nicht sagen: „Das hängt von der Marktentwicklung ab. Natürlich machen wir wegen der aufwendigen Produktion nicht allzu viel Gewinn. Dafür steigt aber die journalistische Qualität.“

Auch der Mutterkonzern musste im Jahr 2009 eher auf die Zahlen schauen. Großkunden wie die WAZ-Gruppe kündigten den dpa-Basis- und Landesdienst. Mit den Umzugskosten ergab sich unterm Strich ein Verlust von 3,8 Millionen Euro. „Das Ergebnis spiegelt keine Krise des Unternehmens wider, sondern die Investitionen in seine Zukunft“, schlussfolgert der Geschäftsbericht. Zukunftsredaktionen wie DataReporting müssen dennoch kürzer treten.



Deutschland im Datensumpf?

Haben Lokalredaktionen kein Geld mehr für die attraktiv aufbereitete Informationsdichte von RegioData oder ist es die dpa, die keine Muße hat, in diese Dichte einzutauchen? Der deutsche Datenjournalismus steckt noch in den Kinderschuhen. Neben der dpa haben sich bisher nur DIE ZEIT und die taz an die neue Journalismusform herangetraut. Wie seine Zukunft aussehen könnte und welche Hürden es zu überwinden gilt, zeigt das Fallbeispiel dpa-DataReporting in diesem Dossier.

Doch egal, wie sehr die Investitionen in den Datenjournalismus schrumpfen, die tägliche Informationsflut wird mit Wikileaks und Co. wachsen. Als Journalist gilt es, diese zu bewältigen.

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» Interview mit Christina Elmer

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» Was Lokaljournalisten über RegioData denken


dpa-Angebot zündet nicht

von Julia Lesch

Man kann nicht immer Erfolg haben. Dies musste nun auch Deutschlands führende Presseagentur erkennen. Das dpa-Projekt „RegioData“ eine Informations-Plattform für Lokaljournalisten, fand nur wenig Anklang. „RegioData“ hatte bundesweit relevante Entwicklungen gesucht, statistisch ausgewertet und grafisch aufgearbeitet. Lokalredaktionen konnten diesen kostenpflichtigen Service unter Anderem dazu nutzen, einen Online-Artikel mit Diagrammen oder Grafiken aufzuwerten. Derzeit nutzen jedoch nur zehn Tagezeitungen das Angebot.

Doch warum blieb trotz umfangreichem Service der Erfolg von „RegioData“ aus? Wir haben bei Lokalredaktionen nachgefragt. Die häufigste Antwort: „Wir holen uns unsere Informationen lieber selbst.“ So recherchiert zum Beispiel Harald Pleines, Leiter der Lokalredaktion des Darmstädter Echos, einfach im Internet oder nutzt die Statistik-Abteilung der Stadt Darmstadt. Pleines erklärt, anfangs habe er das Material von „RegioData“ beobachtet, sei aber zu dem Schluss gekommen, dass für ihn das Angebot nicht nützlich wäre. „Das mag bei kleineren Redaktionen anders sein, weil die weniger Zeit für eigene Recherchen haben“, so der Lokalredakteur.


Die Rhein-Main-Zeitung gestaltet interaktive Grafiken lieber selbst: So soll Frankfurts neue Altstadt aussehen. Screenshot: faz.net

Ein Anhänger des Projektes ist Frank Pröse, Chefredakteur des Dieburger Anzeigers – einer der kleinsten Zeitungen im Umkreis von Darmstadt. Seine Redaktion ist eine der wenigen, die das Angebot der dpa schon seit einiger Zeit nutzt. „Wir verwenden die dpa-Angaben als Basismaterial für kleine Recherchen. Das erscheint uns im Interesse unserer Leser notwendig“, so Pröse. „Allein sind wir leider nicht in der Lage, so etwas umzusetzen.“

Die Redakteure der Rhein-Main-Zeitung, einer Lokalausgabe der FAZ, recherchieren hingegen eigenständig. Für die grafische Datenaufbereitung haben sie sogar eine eigene Grafikredaktion, die einzig und allein für die Visualisierung von Daten zuständig ist. Recherchieren muss der Redakteur jedoch selbst. Der Dienst der dpa sei in der Rhein-Main-Zeitung „praktisch noch nie“ genutzt worden, so Sascha Zoske, Schlussredakteur der Regionalbeilage.

Datenjournalismus an sich sei aber auf jeden Fall der Journalismus der Zukunft, so Zoske. „Es gibt immer mehr „Redaktroniker“ – Redakteure, die viele technische Aufgaben übernehmen müssen.“ Das sei vor allem im Lokaljournalismus der Fall, da dort immer mehr Stellen abgebaut würden, um Geld zu sparen. So müsse ein Redakteur neben den journalistischen Fähigkeiten auch technisches Know How mitbringen.

Vielleicht ist das Geldproblem einer der Hauptgründe für Lokaljournalisten, den Service der dpa nicht zu nutzen. Wer Informationen und Grafiken kostenlos über das Statistische Bundesamt oder die Statistische Stadtabteilung bekommt, wird wohl kaum auf RegioData zurück greifen wollen.

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