» Beispiele

Foto: vis4.netDatenjournalismus – wofür braucht man das? In der Beispielsammlung soll genau das greifbar werden: Wir berichten über neue und interessante Projekte und stellen verschiedenste Ideen vor. In unseren “8 Links to DJ” finden Sie außerdem weiterführende Blogs und Seiten, die sich mit Datenjournalismus beschäftigen.




» Crowdsourcing

GuttenPlag: Die Arbeit der Vielen

von Corinna Klingler

Es ist eine erstaunliche Leistung. Binnen weniger Tage schafften es über 1000 Leute, dass jener Mann zurücktreten musste, der lange Zeit als beliebtester Politiker Deutschlands galt. Karl-Theodor zu Guttenberg verlor seinen Doktortitel und gab am 1. März 2011 sein Amt als Verteidigungsminister auf – knapp zwei Wochen, nachdem das GuttenPlag Wiki gegründet worden war.

GuttenPlag spürt akribisch Plagiate auf

GuttenPlag ist eine Initiative, die das Ziel verfolgt, die Dissertation zu Guttenbergs nach geistigem Diebstahl zu durchforsten. Erste Plagiatsvorwürfe veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung am 16. Februar: Dem Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano waren einige grobe Fehler aufgefallen, nachdem er sich kritisch mit zu Guttenbergs Doktorarbeit auseinandergesetzt hatte.

Foto: Junge Union Deutschlands / Lizenz: by-nc-sa Noch am selben Tag rief ein anonymer Nutzer namens „PlagDoc“ über Twitter dazu auf, ihm bei der Suche nach Plagiaten in der Doktorarbeit des Politikers zu helfen und diese in einem Google-Dokument zu vermerken. Nach kurzer Zeit war das Dokument jedoch überlastet, wodurch er das Projekt auf das jetzige GuttenPlag-Wiki auf der Plattform wikia.com auslagerte. Sofort halfen viele Freiwillige, die Doktorarbeit des Politikers akribisch zu durchforsten und kopierte Textpassagen aufzuspüren. Am Ende fanden die Plagiatjäger 1218 Fragmente auf 371 von 393 Seiten, damit sind 94,4% der Seiten betroffen (Stand: 03.04.2011). Besonders peinlich: Schon die Einleitung für seine Dissertation kopierte zu Guttenberg – von der FAZ.


Der animierte Barcode veranschaulicht die Arbeit der Plagiatjäger vom 17.2. bis 1.3.2011.


Crowdsourcing macht’s möglich

Doch wie funktioniert GuttenPlag? Die Mitwirkenden können Plagiate mittels Suchmaschinen und anderen Tools aufspüren. Werden sie fündig, ordnen sie die entsprechenden Textpassagen in verschiedene Kategorien ein. So etwa als „Komplettplagiat“ oder auch als „Verschleierung“, wenn ein fremder Text zwar abgewandelt, aber nicht als solcher gekennzeichnet ist. Zur Qualitätssicherung sichten ausgewählte Helfer die Einträge nochmals, notfalls werden sie erneut überprüft und korrigiert.

Ähnlich wie Wikipedia ist GuttenPlag auf die Mithilfe von Freiwilligen angewiesen. Anders wäre die Idee kaum finanzierbar und hätte sich nie so schnell umsetzen lassen. Bei derartigen Projekten, an denen sich viele Leute beteiligen und die durch ihre Arbeit und Intelligenz eine bestimmte Aufgabe zu lösen versuchen, spricht man von Crowdsourcing. Im Fall von GuttenPlag hieß die Aufgabe, alle Plagiate in der Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers aufzuspüren.


Visualisierung: Resultate auf einen Blick


Schwarz: Seiten, auf denen sich Plagiate befinden. Rot: Seiten mit Plagiaten aus mehreren Quellen. Weiß: Plagiatfreie Seiten.

Um die Ergebnisse in GuttenPlag visuell festzuhalten, gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Geradezu zum Markenzeichen geworden ist ein mehrfarbiger Barcode (s. Foto). Er ermöglicht es, auf Anhieb zu sehen, welche Seiten Plagiate beinhalten. Besonders anschaulich ist auch die Übersicht über die einzelnen Seiten. Per Klick auf eine Einzelseite der Arbeit lässt sich dort nachvollziehen, wo zu Guttenberg von welcher Quelle vermutlich abgeschrieben hat.

Mittlerweile hat die Initiative Guttenplag eine ganze Welle von Plagiatenthüllungen losgetreten. Im Vroniplag etwa nehmen Helfer die Dissertationen von der Tochter von Edmund Stoiber, Veronica Saß, und der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin unter die Lupe. Die Universität Konstanz entzog Saß den Doktortitel und Koch-Mehrin legte in Folge der Plagiatsaffäre wichtige politische Ämter nieder, unter anderem das als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament.

Für seine herausragende Arbeit ist das GuttenPlag Wiki für den Grimme Online Award 2011 in der Kategorie „Spezial“ nominiert.

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» Ortsbezogene Daten

Vom Fluglärm betroffen?

von Laura Löffler

Bürger in Berlin und Brandenburg befürchten, ihre Lebensqualität werde sinken, wenn der neue Flughafen Berlin Brandenburg International erst einmal in Betrieb geht. Doch wen wird der Fluglärm tatsächlich stören? Um diese Frage zu beantworten, haben Lorenz Matzat und Gregor Aisch eine Infokarte für die Taz entwickelt.

Screenshot: taz.deDie Fluglärmkarte zeigt den Lärm, den der Flugverkehr schon heute verursacht. Außerdem gibt es zwei Simulationen, die darstellen, wer in Zukunft vom Fluglärm betroffen sein wird. Eine der Simulationen beruht auf dem Vorschlag für die künftigen Flugrouten von September 2010, die andere Variante auf dem aktuellen Entwurf von März 2011.

Ab wann Lärm zur Belästigung wird, hängt immer vom subjektiven Empfinden des Einzelnen ab. Deshalb galt es, den zu erwartenden Fluglärm in einen verständlichen Zusammenhang zu setzen und visuell darzustellen. Als Grundlage dafür nutzen Aisch und Matzat die Prognose des Infrastrukturministeriums Brandenburg zur Lärmbelästigung. Weitere Daten bekamen sie von dem Verein Deutscher Fluglärmdienst. Aus diesen Daten errechneten sie den Dauerschallpegel entlang der gesamten Einflugschneise. Dabei haben sie allerdings keine Propellerflugzeuge berücksichtigt, da diese weniger als zehn Prozent des Flugverkehrs ausmachen und außerdem leiser sind als gewöhnliche Düsenflugzeuge.

Klickt der Nutzer auf einen bestimmten Ort, bekommt er den Dauerschallpegel angezeigt, der dort errechnet wurde. Fährt er mit der Maus über die Karte, wird in einem Feld der Lärm in Dezibel angezeigt. Um die Lautstärke besser einordnen zu können, sind in diesem Feld auch Vergleichsgrößen angegeben, die der Nutzer aus dem Alltag kennt. Sie erscheinen, wenn man mit der Maus in das Feld klickt. So ist der Lärm an den Orten mit dem höchsten Dauerschallpegel etwa vergleichbar mit dem eines 1200-Watt-Staubsaugers.

Da sich die Flugrouten und damit die Lärmbelastung je nach Windrichtung ändern, zeigt die Karte auf Mausklick eine Alternative für Westwind und eine für Ostwind an. Außerdem sind entlang der Flugrouten die maximalen Schallpegel angegeben. Daran erkennt der Nutzer, wie laut es an einem Ort wird, wenn gerade ein Flugzeug im Start- oder Landeanflug darüber fliegt. An manchen Orten kann es dann so laut werden, als würden die Anwohner direkt neben einer Kreissäge stehen.

Allerdings konnten Aisch und Matzat die Flughöhen der Flugzeuge in ihrer Darstellung nicht berücksichtigen. Sonst wäre die Grafik zu unübersichtlich geworden. Doch die Flughöhen sind von zentraler Bedeutung für die Debatte, wen der Fluglärm tatsächlich betrifft. Deshalb gibt es noch eine ergänzende Flughöhengrafik. Diese zeigt den maximalen Schalldruck bei Abflügen, abhängig vom Flugzeugtyp. Ihr kann der Nutzer entnehmen, in welcher Höhe ein Flugzeug sich befindet, wenn es über einen bestimmten Ort fliegt und wie sich das auf die Lärmbelastung den Ort auswirkt. Taz-Artikel über den neuen Flughafen, die einen unmittelbaren Ortsbezug haben, zeigt die Karte als Icon an.

Nützlich ist diese Karte beispielsweise für Immobilienkäufer. Sie können auf einen Blick sehen, ob sie den Fluglärm in ihrem neuen Haus hören werden und wie stark er sie beeinträchtigen wird. Da die Flugsicherung mit der Planung der Flugrouten noch nicht fertig ist, können Aisch und Matzat die Grafik jeder Zeit aktualisieren. Wer sich im Detail für die Entstehungsgeschichte der Karte interessiert, kann in Matzats Blog nachlesen.
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Datenjournalismus vor der Haustür:
Ein Interview über Frankfurt Gestalten

von Marina Miller und Corinna Klingler

Frankfurt Gestalten – das ist ein ambitioniertes Projekt von fünf Köpfen, die sich ehrenamtlich engagieren, um Frankfurter Bürger zu vernetzen. Entstanden aus einer Stammtischidee von Politikwissenschaftler Christian Kreutz, hat sich die Webseite innerhalb eines Jahres zu einem regionalen Pionierprojekt entwickelt.

Wir haben mit Niko Wenselowski, Software-Entwickler und Teammitglied von Frankfurt Gestalten, gesprochen. Ein Interview über das Projekt, die Probleme mit offenen Daten und warum Grünanlagen in Frankfurt jetzt ein bisschen grüner sind.


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Mehr Daten, mehr Verantwortung

von Sandra Müller

Webseiten wie der Berliner Blaulichtkurier und Police.uk veröffentlichen im Internet Kriminalitätsstatistiken. Ganz im Sinne von Open Data? Eine Analyse.

Bürger fordern Transparenz. Sie wollen wissen, was Regierungen machen, was sie planen und vor allem, wofür sie gezahlte Steuern verwenden. Open Data ist die Forderung – Öffentliche Daten öffentlich zugänglich machen.


Nützlich oder abschreckend? Die Kreise zeigen an, wie viele Verbrechen insgesamt verübt wurden.

Doch Open Data birgt auch Risiken. „Nicht alle Daten sind neutral“, sagt beispielsweise Christiane Schulzki-Haddouti, Fachjournalistin und Expertin für Medienethik. Was sie damit meint: Open Data muss immer mit dem Schutz personenbezogener Daten verträglich sein. Gerade, wenn empfindliche Daten veröffentlicht werden sollen, ist besondere Vorsicht geboten.

Zwei im Netz kontrovers diskutierte Internet-Seiten beschäftigen sich mit der Veröffentlichung von solch empfindlichen Daten – nämlich Kriminalitätsstatistiken. Police.uk stammt aus Großbritannien und ist eine staatlich eingerichtete Website, die es den Nutzern ermöglicht, nahezu straßengenaue Informationen zu verschiedenen Verbrechen zu erfragen. Das deutsche Äquivalent liefert der Berliner Blaulichtkurier , der sich bei seinen Daten allerdings nicht auf interne Polizeistatistiken stützt, sondern Pressemitteilungen der Polizei aufbereitet.

Der Sinn hinter diesen Webangeboten ist offensichtlich und auch als solcher auf den Webseiten proklamiert: Die Bürger sollen die Möglichkeit bekommen, sich über Kriminalitätsraten in ihren Wohngebieten zu informieren. Dies ist vor allem für jene interessant, die in eine fremde Stadt ziehen und sich vorab ein Bild machen wollen. Außerdem sollen Fortschritte in der Kriminalitätsbekämpfung der Polizei transparent werden.


Auf einen Blick: Beim Blaulichtkurier sieht man direkt, welche Art Verbrechen verübt wurde.

Doch es gibt deutliche Schwächen: Die Aussagekraft solcher Statistiken hängt nämlich stark von der Qualität der Datensätze ab. Im Blaulichtkurier beispielsweise werden nur von der Polizei veröffentlichte Fälle dokumentiert, also meist Fälle, die für die Veröffentlichung in den Medien relevant genug waren. Andere Delikte können hingegen durchs Raster fallen. Es handelt sich also um keine aussagekräftige Statistik, sondern soll lediglich einen groben Überblick verschaffen.

Und auch über Police.uk wird rege diskutiert, seit die Seite Anfang 2011 an den Start ging. „Google-Maps der Unterwelt“ titelte beispielsweise die taz in einem im März erschienenen Artikel. Kritik galt unter anderem der Herkunft der Daten. Es soll Fehler bei der Übermittlung und der örtlichen Zuordnung gegeben haben. Außerdem wurde befürchtet, dass durch die Verknüpfung der Delikte mit den Tatorten eine Identifizierung der Täter oder gar der Opfer ermöglicht würde.

Letztere Vermutung bestätigt sich bei näherer Betrachtung allerdings nicht. Denn die Verbrechen werden nur annähernd und nie exakt lokalisiert. Außerdem entfällt bei Straßenzügen mit weniger als 12 Adressen die Lokalisierung komplett. Somit ist es zumindest nicht auf die Schnelle möglich, einem anonymen Symbol auf einer Google-Maps Karte eine Person zuzuordnen. Im Umkehrschluss bestätigt dies aber auch hier die Kritik an der Vollständigkeit und somit der Aussagekraft der Daten.

Ein weiterer Aspekt darf nicht unberücksichtigt bleiben. Durch die plakative Darstellung von Kriminalitätszahlen könnten Wohngebiete Imageschäden erleiden. Menschen, die in als gefährlich ausgewiesenen Wohngebieten leben, könnten stigmatisiert werden. Die Interpretation obliegt dem Nutzer. Da hilft auch keine Anonymisierung.

Das Fazit bietet also weder Grund zur übermäßigen Sorge, noch zur Euphorie. Blaulichtkurier und Police.uk sind Informationsplattformen, die einen guten Weg in Richtung Transparenz öffentlicher Daten eingeschlagen haben. Und auch Datenschützer können weitgehend beruhigt sein. Doch weil Informationen von den Nutzern unterschiedlich aufgenommen werden und dies ein hohes Maß an Einschätzungsvermögen erfordert, muss man sich umso mehr der Aussage, die man machen will, bewusst sein.
Open Data ist die Forderung – Verantwortungsvoller Umgang auf allen Seiten die Antwort.
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Anwohner aus 16 Städten können sich hier über ihre Nachbarschaft informieren.

Nachbarschaft 2.0

von Corinna Klingler

Jeder kennt das: In Großstädten leben Menschen anonym und für sich – viele kennen nicht einmal ihre eigenen Nachbarn. Dabei interessiert doch gerade: Was passiert in meiner Straße? Was in meinem Block? Genau diese Frage beantwortet everyblock.com. Das Online-Portal aus Chicago hat es sich zur Aufgabe gemacht, Nachbarschaften in US-Großstädten zu vernetzen. Die Inhalte generieren die Nutzer dabei zum großen Teil selbst.

Beim ersten Besuch auf der Seite kann der Nutzer seine Heimatstadt auswählen. Derzeit sind auf der USA-Karte 16 Städte verzeichnet, darunter Los Angeles, New York City und Miami. Seit das Portal 2007 entstand kommen immer mehr Orte hinzu. Hinter jedem Städtenamen auf der Karte verbirgt sich ein eigenes Unterportal. Gezielt kann hier der Nutzer auswählen, über welchen Block oder Straßenabschnitt er künftig Neuigkeiten lesen möchte. Das kann der eigene Wohnort sein oder auch die Umgebung der Arbeitsstelle.

Auf Everyblock können Nachbarn ihr eigenes Profil erstellen, Fotos hochladen, Fragen an andere stellen, Events ankündigen – und auch die entlaufene Katze findet so schneller wieder zu ihrem Besitzer zurück. Kurzum: Die Seite ermöglicht, dass sich Nachbarn untereinander austauschen und dadurch das Leben in ihrem Bezirk gemeinschaftlich gestalten.


Über eine Karte können die Nutzer selbst bestimmen, aus welchem Bezirk sie Neuigkeiten erfahren möchten. Screenshot: everyblock.com

Doch das ist nicht alles. Neben diesen „Neighbor Messages“, also den Nachrichten der Nachbarn, spielen die sieben Macher von Everyblock Artikel von Onlinemedien, die den jeweiligen Bezirk betreffen, direkt ins System ein. Zusätzlich gibt es Angaben über Straßensperrungen, Berichte über Verbrechen in der Nachbarschaft oder Meldungen aus dem Fundbüro. Diese Informationen sind zwar bereits an anderer Stelle im Internet zu finden, doch auf Everyblock werden sie zusammengeführt. Dabei steht die ständige Aktualität im Vordergrund.

Damit glaubt der Web-Entwickler Adrian Holovaty eine Nische gefunden zu haben. In den FAQs auf Everyblock steht: „Facebook ermöglicht es dir, Nachrichten an Freunde zu schicken, Twitter ermöglicht es, Nachrichten an Follower zu schreiben, aber kein gut genutzter Service ermöglicht es, Nachrichten an deine Nachbarschaft zu schicken.“

Das Konzept überzeugte 2007 auch die Knight Stiftung, die Innovationen im Journalismus fördert: sie unterstützte das Projekt für zwei Jahre. Dass Everyblock heute seinen Service für immer mehr Städte anbietet, scheint einmal mehr den Erfolg von Holovaty zu bestätigen. Im August 2009 kaufte der US-Nachrichtensender MSNBC das Portal auf.
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» Transparente Finanzen

„Where does my money go?“ oder „Wo fließen meine Steuern hin?“

von Anja Mendel

Steuern. Finanzielle Abgaben, die jeder Staatsbürger an sein Land zu leisten hat. Dieses Geld soll vom Staat verwendet werden, etwa für Bereiche wie Bildung, militärische Rüstung oder Infrastruktur. Doch was genau mit dem Geld passiert, bekommt der Steuerzahler in der Regel kaum mit.

Die Open Knowledge Foundation will in Großbritannien an dieser Situation etwas ändern und Informationen über Steuergelder für jeden zugänglich machen. 2007 rief die Non-Profit-Organisation das Projekt „Where does my money go?“ ins Leben. Die Plattform soll den Bürgern aufzeigen, welcher Anteil ihrer Steuerzahlungen in welchen Bereich fließt. Indem die Open Knowledge Foundation diese Daten analysiert und visualisiert, möchte sie die Welt der Steuern transparenter machen.


Infografik zu „Your Daily Spend“: Einzelne Illustrationen zeigen, welcher Teil der gezahlten Steuern in ein bestimmtes Ressort fließt, etwa in den Bereich Gesundheit, Kultur oder Bildung.

„My Daily Bread“, zu Deutsch „Mein tägliches Brot“, heißt die Ausgangsanimation, durch die der Nutzer erfährt, was mit seinen Steuern passiert. Dazu muss er mit einem Auswahltool angeben, wie viel er pro Jahr verdient. Ein Allgemeinmediziner etwa verdient in Großbritannien durchschnittlich knapp 70.000 Pfund pro Jahr. Der User kann nun auf den Button „Your Daily Spend“ klicken. Hier verbirgt sich eine Infografik. Einzelne Illustrationen zeigen, welcher Teil der gezahlten Steuern in ein bestimmtes Ressort fließt, etwa in den Bereich Gesundheit, Kultur oder Bildung. Der Nutzer kann nun jede Kategorie einzeln auswählen und sieht, wohin seine Steuergelder fließen. So kann der britische Allgemeinmediziner ablesen, dass er mit 9,22 Pfund täglich einen Teil der Bildung für Schüler oder Studenten finanziert.

Ein Link führt zur Seite „OpenSpending – Mapping the Money“. Dabei handelt es sich um ein weiteres Projekt der Open Knowledge Foundation. Im Gegensatz zu „Where does my money go?“ ist diese Anwendung nicht interaktiv. „Mapping the Money“ ist primär als allgemeine tabellarische Datenauflistung zu sehen, wohingegen „Where does my money go?“ visuell darstellt, inwieweit der Einzelne betroffen ist.


Die bunte Kreisgrafik bietet dem User einen Überblick über die gesamte Steuerverteilung Großbritanniens.

„My Daily Bread“ zeigt neben den täglichen Steuerabgaben, für den Arzt 65,61 Pfund, auch die jährlichen Abgaben (23.950 Pfund) an. Um einen Blick auf die gesamte Steuerverteilung Großbritanniens zu werfen, gibt es entweder eine farbenfrohe Kreisgrafik auf der Startseite oder die Kategorie „Time“. Die Rubrik beinhaltet ein Balkendiagramm, das die jährliche Steuerverteilung über einen Zeitraum von 1987 bis 2009 dargestellt. Zusätzlich kann der User regionale Unterschiede mittels einer Landkarte vergleichen.

In Deutschland gibt es ein ähnliches Projekt wie in Großbritannien: den offenen Haushalt. Seine Macher haben sich dabei von „Where does my Money go?“ inspirieren lassen.
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Haushaltsplan für Jedermann

von Mira Wild

Ein öffentlicher Haushaltsplan ist – grundsätzlich gesehen – etwas sehr Gutes. Er zeigt dem Bürger, was mit seinem Steuergeld passiert, schafft Transparenz und gibt dadurch die Möglichkeit, politische Prozesse zu verstehen. Die Aufgaben sind also klar, doch an ihrer Umsetzung hapert es noch gewaltig: wer sich wirklich über öffentliche Haushalte informieren will, den erwarten seitenlange Berichte, umständliche Erklärungen und haufenweise Zahlen. Kein Wunder also, dass die deutschen Bürger zwar gerne wissen würden, was mit ihrem Geld passiert, die Suche nach der Antwort aber längst aufgegeben haben.

Die regierungsunabhängige Organisation “Open Knowledge Foundation” hat dieses Problem erkannt: Sie entwickelte “Open Spending”, in Deutschland als “Offener Haushalt” bekannt. Hier wird der trockene Haushaltsplan der Bundesregierung zum Leben erweckt: interaktive Grafiken veranschaulichen jeden Posten.


Der deutsche Haushaltsplan als Ganzes

Zu Beginn erwartet den User ein großer, rechteckiger Kuchen. Dieser ist in der ersten Stufe in die einzelnen Bundesministerien und allgemeinen Verwaltungsapparate (Deutscher Bundestag, Bundesrat, Auswärtiges Amt usw.) sowie Bundeskanzlerin und Bundeskanzleramt unterteilt. Dabei nehmen die Bereiche, die am meisten vom Finanzkuchen erhalten, die größten Flächen ein.

Spannend wird es, wenn der Bürger beginnt, in die Tiefe zu klicken. Nehmen wir das Bundesministerium für Verteidigung als Beispiel: Ihm standen im Jahr 2010 rund 31 Milliarden Euro zur Verfügung. Beim Klick auf das Ministerium sortiert sich der Kuchen neu. Jetzt zeigt die Grafik, in welche Bereiche der Gesamt-Etat des Verteidigungsministerium investiert wurde: Fünf Milliarden Euro standen für militärische Anschaffungen zur Verfügung, allein Panzer des Typs PUMA kosteten rund 112 Millionen Euro. Erstaunlich. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, wo das Geld landet. Denn egal, ob man die 50.000 Euro, die das Bundeskanzleramt jährlich für den Erwerb von Kunstwerken zur Verfügung hat, zu viel oder zu wenig findet – allein die Gewissheit über die Höhe der Ausgaben macht glücklich. Sie lässt den Bürger teilhaben und verstehen.


Jede militärische Anschaffung wird einzeln aufgeschlüsselt.

Das Klicken durch die Grafiken schafft also Vertrauen. Dabei kann jeder ganz einfach seine eigenen Prioritäten setzen und in den Ressorts stöbern, die ihn besonders interessieren. Wissenswerter Zusatz: jeder Posten kann mit den Bundeshaushaltsplänen von 2006 bis 2010 verglichen werden. So erkennt der Bürger auf einen Blick, wo Geld eingespart wurde und wo Investitionen hinzukamen. Wertvolles Wissen, das sonst nur schwer zu beschaffen wäre. Zwar muss die Bundesregierung ihr Budget laut Verfassung offen legen, schlau wird jedoch kaum einer aus dem tausendseitigen Fachdokument. Die Webtechnologie von “Offener Haushalt” wertet diese komplexen Daten aus und bereitet sie für den normalen Bürger auf. Eine Interpretation findet dabei nicht statt – sie bleibt den Bürgern selbst überlassen.

Aber auch der “Offene Haushalt” hat Schwachstellen: Alle Ausgaben, die außerhalb des Haushalts verwaltet werden, bleiben unbedacht und schmälern die Aussagekraft. So geht aus den Grafiken zum Beispiel nicht hervor, dass dem Staat für den Finanzmarktstabilisierungsfonds SoFFin bis zu 100 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. “Offener Haushalt” ist also nur ein erster Schritt hin zu mehr Offenheit und Transparenz. Er gibt dem Bürger jedoch die Chance, wieder Spaß an Politik zu bekommen und ein Stück Verantwortung zu übernehmen.

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» Chronologische Verläufe


Datenvisualisierung auf ZEIT Online: Anonymen Opfern ein Gesicht geben

von Lena Kasper

137 Opfer rechter Gewalt in 20 Jahren – im ersten Moment klingt die Zahl verschwindend gering. Doch die interaktive Grafik von Zeit Online verdeutlicht, was diese dreistellige Zahl wirklich bedeutet und versucht, vergessene Opfer wieder in unser Gedächtnis zu rufen.


137 Tote in 20 Jahren: Die Grafik von ZEIT Online zeigt, wie viele Menschen durch rechte Gewalt starben.

So schlicht die Datenvisualisierung „Todesopfer rechter Gewalt“ auf ZEIT Online auch aussieht, ihre Wirkung verfehlt sie nicht. Auf einer Deutschlandkarte sind rote Punkte abgebildet. Jeder einzelne steht für einen rechtsextremen Angriff, bei dem ein Mensch starb. Wenn der Leser den Regler auf einer Zeitleiste von 1990 bis 2010 verschiebt, verändert sich die Grafik, immer mehr Punkte erscheinen. Bis im Jahr 2010 dann 137 rote Punkte die Karte füllen – 137 Opfer rechter Gewalt in 20 Jahren.

Indem der Leser verschiedene Kategorien anklickt, kann er die Angriffe etwa nach Geschlecht der Opfer oder Alter der Täter sortieren. Dann werden die zuvor roten Punkte bunt. Eine zweite Karte ermöglicht ihm außerdem, die Taten miteinander zu vergleichen. Wie viele der Opfer waren unter 18 Jahre alt? Wie viele von ihnen schon über 40? Die Datenvisualisierung deckt die Hintergründe einer jeden Gewalttat auf, sogar das Motiv des Täters lässt sich aus der Karte entnehmen.

Auch ein weiteres erschreckendes Detail wird mit nur einem Klick sichtbar: In 87 der 137 Fällen konnten oder wollten die Gerichte keinen rechtsextremen Hintergrund nachweisen. In den Polizeiakten findet man für im Zeitraum von 1990 bis 2010 nur 50 tödliche Übergriffe durch Neonazis.

Erst die kleinteilige Recherche von ZEIT, Tagesspiegel und ZEIT Online ergab, dass die Zahl der Menschen, die von Rechtsextremisten angegriffen und getötet wurden, höher sein muss. Die Veröffentlichung der interaktiven Grafik soll den vielen, oft unbekannten Opfern ein Gesicht geben. „Es gab eine große Differenz zwischen den offiziellen und den recherchierten Todesopferzahlen. Daher war uns wichtig, dass wir diese Zahlen ganz konkret und nachvollziehbar benennen wollten. Jedes Einzelschicksal sollte dabei seine Erwähnung finden“, sagt Sascha Venohr, Entwicklungsredakteur bei Zeit Online, in einem Interview mit dem Magazin „medium:online“.


Im Vergleich: nur 50 Fälle sind offiziell anerkannt. Bei den restlichen 87 Übergriffen konnte kein rechtsextremer Hintergrund nachgewiesen werden.

Damit diese Zahlen auch weiterhin genutzt werden können, stellt Zeit Online die Rohdaten zum kostenlosen Download bereit. Außerdem ruft die Redaktion ihre Leser dazu auf, bei noch ungelösten Verdachtsfällen zu helfen und Informationen weiter zu geben.

ZEIT Online greift mit dieser virtuellen Grafik ein sehr sensibles Thema auf. Die detailgetreue Ausarbeitung macht es dem Leser möglich, sich direkt mit dem deutschlandweiten Problem der rechten Gewalt auseinanderzusetzen. Das Projekt zeigt ein weiteres Mal, wie wichtig Datenjournalismus für das Erzählen von Geschichten und das Aufzeigen von Problemen geworden ist.
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„Verräterisches Handy“ – Sechs Monate im Leben des Malte Spitz

von Marina Miller

Der gläserne Mensch“ – eine der großen Ängste aller Gegner des Internets und der modernen Kommunikationsmittel. Auch wenn diese Angst möglicherweise übertrieben ist: es ist schon einiges, was man anhand von Daten über Internet- und Mobilfunkkommunikation herausfinden kann. Wie viel genau, das wollte der Grünen-Politiker Malte Spitz wissen: er klagte bei der Telekom seine Vorratsdaten aus einem Zeitraum von sechs Monaten ein und stellte sie ZEIT online zur Verfügung.

Screenshot: zeit.deDiese wertete die Daten aus und beobachtete zusätzlich Malte Spitz‘ Twittermeldungen und Blogeinträge. Daraus fertigte die Redaktion eine beeindruckende interaktive Infografik. Einmal auf den Play-Knopf gedrückt, kann man nun sechs Monate in Malte Spitz‘ Leben auf der Landkarte verfolgen. Denn aus den Kommunikationsdaten lassen sich Orte rekonstruieren, an denen Spitz sich aufhielt, und Wege, die er zurückgelegt hat.

Ein bisschen unwohl fühlt man sich schon beim Klicken durch die Grafik. Trotz der Tatsache, dass es sich nur um legal zugängliche Daten handelt, fühlt man sich wie ein heimlicher Beobachter. Und nicht nur das: wir erfahren auf der Reise auch, wie viele ein- und ausgehende Anrufe er mit seinem Handy empfangen und getätigt hat und wie lange er mit dem Internet verbunden war. Dank der Informationen von Twitter etc. gibt es auch noch zahlreiche Einblicke in die Aktivitäten, die an den georteten Plätzen vor sich gingen. U2-Konzert, Parteikonferenz, Urlaub in der Heimat – wir sind plötzlich mitten im Leben eines völlig fremden Menschen.

Wie sich das anfühlt, können Sie hier nachvollziehen.
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Povertyover zeigt, wie Armut sich in der Welt entwickelt hat: In den letzten 50 Jahren ist sie schneller geschwunden als in den 500 Jahren davor.

Die Geschichte der Armut in Grau-Orange

von Talisa Dean

Die Anwendung „Poverty“ stellt die Weltarmut und ihre Geschichte grafisch dar und versucht, das Problem interessant zu vermitteln. Sie gibt einen Überblick darüber, was zu dem wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewicht in der Welt führt, wie groß es momentan ist und was das genau bedeutet. Hinter der Anwendung steckt die Organisation Christian Aid. Sie setzt sich aus vierzig britischen und irischen Kirchengemeinden zusammen und kümmert sich in erster Linie um Entwicklungs- und Katastrophenhilfe. Anhand einer animierten Weltkarte veranschaulicht die Organisation Beispiele von Armut auf der ganzen Welt. Eine Slideshow führt den User zunächst in das Thema ein und eine interaktive Anwendung ermöglicht es dem User die Zustände in einzelnen Ländern zu erfahren.

Grau auf der Karte eingefärbte Länder sind die, in denen kaum wirtschaftlicher Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung zu verzeichnen ist. Anders die, in denen sich innerhalb der letzten 200 Jahre viel getan hat – das ist der Zeitraum, den die Animation abdeckt. Diese Länder sind am Fortschritt beteiligt und gelb eingefärbt. Je intensiver das Gelb, desto stärker das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern. Je stärker das Grau, desto mehr sinken die entsprechenden Nationen in die Armut ab. Der User kann die Entwicklung auf einem Zeitstrahl verfolgen und sie jederzeit mit einer Pausentaste unterbrechen, um sich einen bestimmten geschichtlichen Zustand genauer anzuschauen. Wichtige geschichtliche Stationen sind orange markiert.



Povertyover zeigt, wie Armut sich in der Welt entwickelt hat: In den letzten 50 Jahren ist sie schneller geschwunden als in den 500 Jahren davor.

Die gesamte Karte ist beweglich. Mit Hilfe des Mauszeigers lässt sie sich nach oben und unten verschieben und durch einen weiteren Button sogar in der Horizontalen drehen. Dann zeigt die Darstellung den Entwicklungstand der Länder dreidimensional in einer Art Säulendiagramm. Die fortschrittlichsten Länder behalten demnach gelbe und orangene Farbstufen und sind gleichzeitig durch besonders hohe Säulen, beziehungsweise dicke Erdteile gekennzeichnet. Wie weit er in die Tiefe der Anwendung gehen möchte, entscheidet der User selbst. So ist es über eine Nebenleiste möglich den Weltüberblick zu verlassen und verschiedene Kontinente und Länder einzeln auszuwählen. Extreme Gewinner und Verlierer sind auch noch einmal in zusätzlichen Tabs aufgelistet.

Nach eigenen Angaben basiert die Christian Aid Map „Poverty“ in erster Linie auf UNDB-Datensätzen, sowie unter anderem auf UNESCO-Daten, UN-Daten und Weltbank-Entwicklungsindikatoren. Unter dem Punkt „About The Projekt“, in der Fußleiste der Startseite, sind weitere Informationen zum Projekthintergrund angegeben.



Povertyover behandelt das Thema Armut in acht Bereichen.

Ebenso hilfreich ist das Zusatzmaterial auf der Startseite. In acht Rubriken wird hier genau erklärt aus welchen Faktoren sich der Armutsbegriff innerhalb der Anwendung zusammensetzt und was darunter zu verstehen ist. Die Links befassen sich anhand von Texten und Slideshows mit gesellschaftspolitischen und naturgegebenen Einflüssen. Ein besondere Blickfang sind hierbei die einzelnen Animationen der Weltkugel zu jeder einzelnen Rubrik. So findet man bei „Conflict” einen orange-schwarze Globus vor. Das Thema Konflikt wird hier durch Schriftzüge verkörpert, die wie Raketengeschosse über die Weltkugel hinweg von Land zu Land und Kontinent zu Kontinent schießen. „Wars between countries are on the decline. But wars within countries are increasing“, heißt es. Zu Deutsch: Kriege zwischen Ländern nehmen ab, aber Kriege innerhalb von Ländern nehmen zu. Eine schlichte und doch kreative Art Aufmerksamkeit für ein ernstes Thema zu gewinnen.
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Deepwater Horizon: Die Ölkatastrophe multimedial und interaktiv

von Laura Löffler

Wie viel Öl gelangte tatsächlich ins Meer, nachdem die Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko am 20. April 2010 explodierte? Wie konnte es überhaupt zu der Explosion kommen? Und welche Folgen hatten die Ölmassen für die Tierwelt?

Diese Fragen beantwortet die New York Times in einem Online-Dossier, das den Lesern die Explosion der „Deepwater Horizon“ und die darauf folgende Umweltkatastrophe veranschaulicht. Mit Animationen, Infografiken, Videos und kurzen Texten erklärt die Times die Ursachen, Abläufe und Auswirkungen der Katastrophe. Für das Dossier verlieh die Society for News Design auf den „Malofiej International Infographics Awards“, der Zeitung in diesem Jahr den „Peter Sullivan Award“, den Preis für die beste Infografik.



Je dunkler der Rot-Ton auf der Karte, desto starker hat das Öl den entsprechenden Küstenabschnitt verseucht. Besonders betroffen waren die Strände Louisianas.

Den Ölteppich im Golf beobachten

Das Dossier besteht aus sechs Rubriken. Die erste heißt „Where oil is in the Gulf “ und zeigt in einer Animation, wie sich das Öl vom 22. April bis zum 2. August verbreitete. Dabei sieht der Nutzer einerseits, wo der Ölteppich auf Satellitenbildern und Luftaufnahmen zu erkennen war. Andererseits veranschaulicht die Animation Berechnungen der National Oceanic and Atmospheric Administration. Diese basieren auf Prognosen von Windrichtungen, Windstärken und Meeresströmungen sowie Luft- und Satellitenbildern. Die beiden Werte, die in unterschiedlichen Grautönen dargestellt sind, weichen teilweise deutlich voneinander ab. Das lässt sich zum Beispiel dadurch erklären, dass wetterbedingt nicht jeden Tag Satellitenbilder und Luftaufnahmen des Golfs von Mexiko zur Verfügung standen. Deshalb sind diese Daten nicht vollständig.

Die Animation zeigt außerdem wie die Größe der Zone für die ein Fischfangverbot galt sich im Lauf der Zeit veränderte. Der Nutzer kann die Animation jederzeit zu einem bestimmten Datum anhalten und bekommt kurz erklärt, was an diesem Tag passierte.

Ein Säulendiagramm am rechten Rand der animierten Grafik zeigt, wie viel Öl nach Schätzungen der Regierung in den Golf von Mexiko floss. Die New York Times vergleicht das Ausmaß mit zwei anderen Katastrophen: dem Tankerunglück der „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska und die missglückten Probebohrungen der „Ixtoc I“ 1979 vor Mexiko. Bei beiden Unfällen trat deutlich weniger Öl aus, als bei der Explosion der „Deepwater Horizon“. So wird deutlich, welche Ausmaße die Katastrophe tatsächlich hatte.



Dunkelrot gekennzeichnete Küstenabschnitte sind sehr stark verschmutzt

Wann das Öl die Küsten Louisianas, Mississippis, Alabamas und Floridas wie stark verschmutzte, zeigt eine weiteren Animation in der Rubrik „Where oil has made landfall“. Seit Ende Mai 2010 gelangte immer mehr Öl in die Sumpfgebiete und an die Strände Louisianas. Die Animation beginnt am 24. Mai und zeigt, wie sich die Verschmutzung der Küste Louisianas bis zum 7. August entwickelt. Ab dem 12. Juni fließen auch die Daten aus den anderen betroffenen Staaten in die Animation ein. Wie stark einzelne Küstenabschnitte verschmutzt sind, erkennt der Nutzer an unterschiedlichen Rottönen: Je dunkler der Farbton, desto stärker ist der Küstenabschnitt betroffen.

Unter der Rubrik „Efforts to Stop the Leak” findet der Nutzer die verschiedenen Techniken, mit denen Ingenieure versuchten, das Leck zu schließen. Alle sind auch graphisch erklärt.

Welche gravierenden Auswirkungen die Ölkatastrophe auf die Natur hat zeigen verschiedene Grafiken in der Rubrik “Effects on wildlife“. Eine zeigt zum Beispiel, wo Behörden geschwächte oder tote Delfine und Meeresschildkröten fanden. Jeder rote Punkt auf der Karte steht für eine gefundene Schildkröte, jeder schwarze für einen Delfin. Ergänzend wird erklärt, weshalb die Tiere vermutlich starben.



Jeder schwarze Punkt steht für einen tot oder geschwächt aufgefundenen Delfin, jeder rote für eine Meeresschildkröte. Insgesamt starben 72 Delfine und 527 Schildkröten durch die Katastrophe.

Grafiken erklären die Technik und die Abläufe auf der Ölplattform

Eine eigene Rubrik beschäftigt sich mit dem „Blowout Preventer“, einem Abdichtkopf bei Bohrungen. Er soll verhindern, dass bei Explosionen oder Störfällen Öl aus dem Bohrloch austritt. Mit Hilfe einer Grafik erklärt die New York Times, wie diese Abdichtung funktioniert und wieso sie bei der Explosion der „Deepwater Horizon“ versagte.

Wie die Arbeiter auf der Bohrinsel auf die Katastrophe reagierten, wird in der Rubrik „Final moments on the rig“ dargestellt. Eine Grafik zeigt, wie die Ölplattform aufgebaut war und welche Kontrollmechanismen eine Explosion vermeiden sollten. Dazu erklärt die New York Times in kurzen Texten, welche Sicherheitsmaßnahmen die Arbeiter an den einzelnen Kontrollpunkten durchführten und weshalb es trotzdem zu der Explosion kommen konnte. In einem Video schildert ein Besatzungsmitglied der „Deepwater Horizon“, wie die Explosion ablief.

Mit dem Dossier gelingt es der New York Times, die verschiedenen Aspekte der Explosion der Ölplattform aufzuzeigen. Während Infografiken komplexe Vorgänge erklären, zeigen Animationen das Ausmaß der Katastrophe. Videos liefern zusätzliche Informationen. Wer gezielte Fragen zur Ölkatastrophe hat, findet durch die verschiedenen Rubriken relativ schnell Antworten. Wer sich dagegen im Detail mit dem gesamten Dossier auseinander setzen möchte, benötigt etwas Zeit – doch die lohnt es sich zu nehmen.
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8 Links to DJ – weitere Anlaufstellen

von Corinna Klingler und Marina Miller

  • Auf datenjournalist.de blogt Lorenz Matzat über aktuelle Entwicklungen im Datenjournalismus.

  • Einblicke in den Umgang mit offenen Daten in Österreich gibt das Technik-Newsportal futurezone in seinem Open Data Blog. Hier gibt’s etwa die neuesten Beispiele für die Offenlegung städtischer Daten aus Wien.

  • Ein sehr schönes Projekt zum Thema Datenjournalismus und offene Daten gibt es vom Guardian: guardian.co.uk/news/datablog. Im englischsprachigen Blog gibt es täglich neue Beispiele. Besonderheit: Im sogenannten „Data Store“ kann man sich selbst Datensätze herunterladen und damit arbeiten.

  • Die New York Times gilt als einer der Vorreiter des Datenjournalismus. In ihrer Linked Open Data Sammlung stellt sie Rohdaten über Personen, Organisationen und Orte bereit, die zur Recherche dienen können.

  • Das OpenDataNetwork.org ist eine Initiative, die mehr offene Daten fordert. In ihrem Blog wird berichtet, wo es Erfolge gibt, warum mehr offene Daten zur Verfügung gestellt werden sollten und was auf Konferenzen zum Thema besprochen wurde. Zusätzlich kann man sich in einem Wiki über Termine informieren, an denen sich die Initiative z.B. in Berlin trifft.

  • Unter blogs.taz.de/open-data bloggt die taz zum Thema Datenjournalismus. Es werden zusätzliche Hintergrundinformationen zu eigenen Datenjournalismus-Projekten geliefert und diese selbst genauer beleuchtet und in einen Kontext gestellt.

  • vis4.net – hier bloggt der freie Datenjournalist Gregor Aisch. Er schreibt über seine Arbeit oder analysiert andere Infografiken und Datensätzen. Ein Portfolio seiner Projekte findet sich auf driven-by-data.net.
  • Gregor Aisch im Interview mit dem Datenjournal

  • ZEIT Online ist einer der wenigen Vorreiter des Datenjournalismus in Deutschland. Im Open Data Blog der ZEIT schreibt Lorenz Matzat über offene Daten, neue Projekte und Bewegungen im Datenjournalismus.

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